Autor Thema: 2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl  (Gelesen 259 mal)

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2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl
« am: 16.09.2019, 21:59:47 »
Datum: 2019-09-01
Event: IAU 50 km World Championships
Distanz: 50,000 km

Ersteller: cbendl

Offline cbendl

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Antw:2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl
« Antwort #1 am: 16.09.2019, 22:04:13 »
50 km Weltmeisterschaft in Brașov ... immer noch nicht wirklich real für mich.
 Die IAU 50 km Weltmeisterschaft am 1. September war, nach der Halbmarathon Staatsmeisterschaft, mein zweites Highlight der Sommersaison. Nur eine Woche Abstand zwischen den beiden Wettkämpfen war natürlich ein Wagnis, aber das "im September" gleich der 1. September sein würde, da kam ich erst recht spät dahinter, und es wäre mir ohnehin schwer gefallen, mich für das eine oder andere Großevent zu entschieden.
 So ging es am Freitag, zusammen mit einem Teil des Teams per Flug nach Bukarest, wo wir von den Organisatoren sehr herzlich empfangen wurden, und von dort per Bus weiter nach Brașov. Der Transfer war zwar sehr gut organisiert, durch knapp eineinhalb Stunden Wartezeit am Flughafen bis zur Abfahrt (ein weiteres Team sollte mit dem gleichen Bus fahren) und die staubedingt vierstündige Fahrt dennoch zermürbend. Aber es war ja noch ausreichend Zeit für Erholung. Außer einchecken (in die beste Unterbringung aller Weltmeisterschaften, bei denen ich je dabei war!), einem kurzen Läufchen zum Beine auslockern und Abendessen stand ja nicht viel an. Ins Bett ging es nach der frühen Tagwache sehr früh, und in der frischen Bergluft in der Höhe des transsilvanischen Skiorts schlief ich auch ausgezeichnet.
 Am nächsten Tag wollte ich es ähnlich stressfrei angehen. Mal sehen, wie lange ich es schaffe zu schlafen (es wurde kurz vor 08:00, dann ein vierzigminütiger Lauf auf einem der wenigen Flachstücke des Orts - dementsprechend viele Athlet_innen tummelten sich dort :) ) ein ausgiebiges, spätes Frühstück und wieder Beine hochlagern. Ich überlegte zwar, in die Stadt Brașov zu fahren, die sicher sehenswert gewesen wäre, doch dachte ich mir, ich würde auch bei der Flaggenparade einiges sehen, und ausruhen wäre noch wichtiger. Also verging der Tag mit schlafen, dösen und essen, und natürlich für den Wettkampftag vorbereiten. Dies hielt sich jedoch in Grenzen, allzu viel benötige ich für einen 50 km Lauf ja nicht.
 Am frühen Abend ging es für alle per Bus in die Stadt zur Flaggenparade. Sehr positiv: Ein pünktlicher Start, wir standen uns nicht lang die Beine in die Bäuche. Auch die gute Stimmung in der Stadt und die ausgesprochen freundlichen Ansprachen (ja, wirklich, mir gefielen sie!) waren angenehm. Weniger angenehm die Temperatur: ich war im Wettkampftop unterwegs, und mir wurde bis 19:00 nicht kalt. Auch über die Dauer und Lautstärke der Volkstanz- und -musikgruppe könnte man diskutieren, aber so etwas gehört nunmal dazu.
 Die geplant ging es pünktlich um 19:30 ins Quartier zurück, ein paar Bissen essen und dann Teambesprechung mit den letzten Erkenntnissen aus dem Technical Meeting. Dann schnell ins Bett, weil Abfahrt am Sonntag nach Brașov war um 06:30.
 Sonntag früh klappte auch alles wieder bestens. Obwohl ein paar 100 Leute zur selben Zeit frühstücken wollten, gab es kein Chaos, denn jeder hatte die Wettkampfmorgen-Routine wohl automatisiert. Transfer in die Stadt klappte ebenso, und dann blieb genug zeit für die unmittelbare Vorbereitung. Die Temperaturen hielten sich noch ziemlich in Grenzen - Start war um 08:00 - aber es war klar, dass es auf der Strecke weitgehend ohne Schatten warm werden würde.
 Vor dem Start ordneten wir - Bruno, Markus, Wolfgang, Sandra, Karin, Lissy, Maria und ich - uns ein. Nicht zu weit hinten und nicht zu weit vorne. Aufgrund des nicht allzu großen Starterfelds gab es aber ohnehin kein großes Gedränge. Nach dem Startsignal verschwanden die Männer schnell nach vorne, und auch unsere schnellsten beiden, Sandra und Karin, waren bald einige Meter vor mir. Ich lief zunächst gemeinsam mit Lissy los. Das Tempo passte auch soweit (da es nie flach war sondern immer leicht bergauf oder bergab ging, nicht ganz leicht einzuschätzen) nur musste ich feststellen, dass wir ziemlich allein, ohne jeglichen Windschutz, unterwegs waren. Also versuchte ich zur Gruppe vor uns aufzuschließen, und so trennten sich unsere Wege. Anfangs orientierte ich mich an Tereza aus Tschechien, und ihrem Rücken. Einige andere kamen zur Gruppe dazu und trennten sich auch wieder. Für mich passte das Tempo recht gut. Bald wurde Tereza jedoch schneller, mir erschien es etwas zu riskant. Mein Training war ja vor allem auf Halbmarathon ausgerichtet. Ich hatte zwar kein Problem mit der Distanz an sich, dessen war ich mir ziemlich sicher, aber zu hohes Tempo in der Frühphase des Rennens könnte später ziemlich wehtun. ;) So suchte ich mir eine neue Partnerin und fand diese in Catherine aus Kanada, der ich sicher dreißig Kilometer lang am Hinterteil klebte. ;) Nur bei einer Wende (der Kurs bestand zuerst aus einer 5-km-Runde - 2,5 km hin, die gleiche  2,5 km zurück - und dann fünf 9-km-Rundne - auch hier: 4,5 hin, 4,5 zurück) verlor sie deutlich auf mich, und ich fand mich auf einmal gemeinsam mit einer Südafrikanerin und Polin deutlich vor ihr. Dort machte ich aber nicht weiter Druck, die beiden Kolleginnen fielen ohnehin zurück, und ich wartete, dass Catherine mich einholte. So ging es im Tandem weiter. Und keine Anstalten, dass ich einmal in den Wind gehen sollte. ich gebe es zu: ich nahm dieses "Geschenk" an. Das Tempo war mir ja eigentlich die ganze Zeit gerade um ein kleines bisschen zu langsam, aber der Respekt vor der langen Distanz überwog die Risikofreude. Es war allerdings ja auch kein schlechtes Gefühl. Immer kontrolliert und mit Reserven die Kilometer abzuspulen. Es war warm, windig und mit 274 Höhenmetern war die Strecke auch nicht gerade flach - Grund genug also, wirklich vorsichtig zu sein. Erst auf der vorletzten Runde, bei 36,5 km, als ich wieder einmal schneller um die Wende kam als Catherine (spricht man beim Ultralauf auf von guten und schlechten Kurvenläufern? ;) ) beschloss ich, dass es Zeit wäre, etwas aufs gas zu steigen. Ich hatte ja nur mehr einmal mehr den leidigen Anstieg vor mir, da sollte nicht mehr viel schiefgehen.
 Und da kam dann auch der Spaß. Einerseits, weil es schon schön ist, die Beinchen etwas zu strecken, und andererseits, weil ich gar nicht so wenige Läufer_innen überholen konnte. Vor der Wende bei Start / Ziel, bei 41 km kamen mir zum vorletzten Mal Sandra und Karin entgegen, die beide zwar schon angestrengt, aber sehr gut aussahen. Ich brüllte ihnen noch Motivation (hoffentlich war es das ;) ) für die letzte Runde zu, denn ich hatte, was die Teamwertung betraf, ein recht gutes Gefühl. Auf der Strecke sah ich ganz vorne immer viele viele viele Britinnen, dahinter fast ebenso viele Amerikanerinnen, dann aber nur einzelne Athletinnen verschiedener Nationen, und dann kamen schon die beiden. Dann wieder einzelne Läuferinnen anderer Nationen, und dann schon ich. In der Addition der schnellsten drei Zeiten eines Teams also, was ich so schätzen konnte, ganz gut. :)
  Letzte Runde, noch einmal den "Berg" hinauf, noch einmal Gegenwind, aber nur mehr neun Kilometer vor mir war das nicht schlimm. Vor allem, wo ich doch weiterhin überholte, ein wirklich motivierendes Gefühl. :)
 Bei der letzten Wende, bei 45,5 km begann ich zu rechnen. 50 km Zeiten waren und sind für mich ja doch etwas abstrakt, es war mein erster Lauf über diese Distanz. Ein Ziel war, unter 3:40 zu bleiben, denn das würde das Limit für den ersten Startblock beim Comrades Marathon, mit dem ich ein wenig liebäugle, bedeuten. Schneller als 3:30 traute ich mir nicht zu (nicht mit diesem Training und dem dadurch bedingten vorsichtigen Beginn). Blieb also der Korridor zwischen 3:30:00 und 3:39:59. Und was nimmt man sich dann als Ziel? In der schnelleren Hälfte des Korridors solle es, wenn möglich, sein. Bei 45,5 km war ich mir ziemlich sicher, eine 3:35er-Zeit zu schaffen, aber ich wollte die 3:34 erwischen. Ja, ich habe kein Problem damit, irgendwelchen abstrakten Zahlen hinterherzujagen. ;) Dass ich aber weiterhin überholte, machte de Sache natürlich noch spaßiger. :)
 Der letzte Kilometer vor dem Ziel ging wieder leicht bergauf, da war ich schon am Limit, aber wusste ja, es war nicht mehr weit. Andrücken, das geht schon und ... nach 3:34:33 (4:17 min/km, für die, die nicht selbst nachrechnen wollen ;) )im Ziel! Noch unter dem bis dahin bestehenden österreichischen Rekord, der an diesem Tag durch Sandra, Karin und eben mich dreifach unterboten wurde.
 Mit der Nachricht "Ihr hab wahrscheinlich Team Bronze" empfing mich unser Teamchef Herbert. Eine Riesenfreude! Wahrscheinlich hatten wir diese Medaille alle oder fast alle ganz klein irgendwo im Hinterkopf - wir wussten ja, dass wir ein gutes Team hatten. Es sprach aber niemand wirklich aus, denn die gut oder eben weniger gut die Konkurrenz war, wussten wir nicht. Aus dem "vielleicht / wahrscheinlich" wurde langsam Gewissheit und wir freuten uns riesig auf die Siegerehrung. bei einer Leichtathletik Weltmeisterschaft auf dem Podest zu stehen und die Medaille umgehängt zu bekommen, war einfach gewaltig! Im ganzen Team herrschte großartige Stimmung, da es allen gut, halbwegs OK, oder eben ausgezeichnet gegangen war. Auch Lissy und Maria lieferten starke Leistungen ab und unserem Männern ging es ebenfalls weitgehend gut, so gab es auch bei den Männern durch Markus einen neuen österreichische Rekord über 50 km.
 Ich war stolz und glücklich, die etwas riskante Aufgabe "Doppelpack Kärnten / Brașov" so gut bewältige zu haben, ganz sicher war ich mir dr Sache ja bis zuletzt nicht ... ;)
 Catherine kam auch gut ins Ziel und gratulierte mir herzlich. Kein Groll über mein ewiges Windschattenlutschen. Und wenn ich nach Montréal komme, sind wir schon für ein gemeinsames Läufchen verabredet. Und dann werde ich Windschatten machen, versprochen. ;)
 Mit euphorischer Stimmung ging es in die Party am Sonntag (keine Fotos davon ;) ) und auf die Rückreise am Montag (wieder sehr früh ... :( ). Für mich selbst sage ich: Sehr gerne wieder nächste Jahr eine Ultralauf Weltmeisterschaft, und ich würde mich freuen, gemeinsam mit meine Teamkolleginnen und -kollegen von heuer die 100 km in Winschoten in Angriff zu nehmen! Genauso freue ich mich, neu gewonnene Freunde wieder zu treffen, denn die Stimmung war auch zwischen den Teams großartig.
 Den Organisatoren von Brașov gebührt großer Dank für die ausgezeichnet und liebevoll organisierte Weltmeisterschaft, und unseren Teamchefs Herbert und Georg für die tolle Betreuung (und auch Freiräume ! ;) ) im Vorfeld und vor Ort.
hippocampus abdominalis

Offline Ulrich

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Antw:2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl
« Antwort #2 am: 04.11.2019, 13:58:19 »
 :welle1: :welle1: Carola!
Danke für den tollen Bericht
Weil 42 die Antwort ist und 130 der Sinn

Offline KITTY

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Antw:2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl
« Antwort #3 am: 06.11.2019, 21:20:23 »
Schließe mich den Worten Ulrichs an. Toller Bericht. Leistung  sowieso grandios.
lg
peter

Offline cbendl

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Antw:2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl
« Antwort #4 am: 06.11.2019, 21:28:15 »
Da ist in der Berichrs-Hochsaison doch glatt auch mein Bericht ausgegraben worden. Na da les ich ihn doch glatt auch wieder - damit ich mich erinnere, warum ich mir das jetzt alles antu ... ;)
hippocampus abdominalis

Offline Josefstädter

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Antw:2019-09-01 IAU 50 km World Championships - cbendl
« Antwort #5 am: 08.11.2019, 09:48:01 »
Fesselnder Bericht. Ursprünglich meinte ich, ihn bereits gelesen zu haben. Aber dem war wohl nicht so.
Beim Lesen habe ich Bilder im Kopf, wie ihr so unerreichbar elegant "dahinfliegt".
Gratuliere nochmals  :welle1:
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