Autor Thema: 2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner  (Gelesen 186 mal)

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« am: 23.08.2008, 00:00:00 »
Datum: 2008-08-23
Event: Ultramarathon
Distanz: 99.999 km

Ersteller: stokecityrunner

Offline stokecityrunner

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #1 am: 23.08.2008, 00:00:00 »
12 Stundenlauf Grieskirchen

Urprünglich habe ich mich bei diesem Ultralaufcup-Bewerb für den 6-Stundenlauf angemeldet, dann dacht ich mir diese Distanz bin ich im April in Wals bereits gelaufen, und da der Mensch ja nach immer strebt wollte ich eine noch längere Distanz absolvieren =) . Also hab ich mich 10 Tage vor dem Wettkampf auf die 12-Stunden umgemeldet, um weitere Grenzen auszutesten, na schau ma mal :\ :\

So bin ich mit meinem Freund und Coach Christian am Freitag nach Grieskirchen gefahren. Wir hatten soviel Ausrüstung mit wie noch nie und im Auto nicht mal mehr Platz für einen weiteren Mitfahrer =)

Wir quartierten uns in den „Schlafcontainern“ der Polytechnischen Schule in Grieskirchen ein, wo 3 Klassenzimmer zum Schlafen zur Verfügung standen. In einem weiteren Klassenzimmer gab es nächsten Tag ein Frühstück. Dann holten wir die Startnummer, und ich fuhr mit dem Fahrrad die Laufstrecke von 1.149m ab. War einerseits sehr attraktiv, da die komplette Strecke in der Stadt war, somit bestimmt überall tolle Stimmung, andererseits gabs nur wenig echt flache Stücke, es ging meist leicht rauf und runter, zusätzlich gabs noch einen Anstieg. Also viel Disziplin wird gefragt sein. Dann reservierten wir uns eine Coachingzone indem wir eine Bank am Streckenrand aufstellten.

Um ca. 23.00 Uhr legten wir uns aufs Ohr, und um 3:58 Uhr lt. meiner Polaruhr läutete schon der erste Wecker im Zimmer, wollte eigentlich bis 5:00 Uhr pennen, aber es war dann schon zu laut, also stand ich auch gleich auf. Bevor wir zur Strecke gingen, tranken Christian und ich noch einen Schluck Kaffee um wirklich munter zu werden. In der Nacht gabs übrigens Unwetter mit Gewitter, extrem starken Regen und Wind, somit waren in der Früh einige Zelte „vom Winde verweht“, daher etwas Hektik auf dem Kirchenplatz in Grieskirchen.

Um 6:30 gings dann endlich los für die 12-Stunden Einzelläufer, die 4er- und die 12er-Staffeln. Ich dachte mir, ich will über 100km laufen, wenns gut geht über 110km, und jeder weitere km ist ein zusätzliches Geschenk. Ich nahm mir anfangs vor, die ersten 3 Stunden ohne Pause im Tempo 5:30 – 5:45 zu laufen. Der Puls ging jede Runde beim Anstieg um 5-10 Schläge in die Höhe, da dacht ich mir schon, dass das eine Belastung ist, die ich mal spüren werde, aber bis 9:30 Uhr war alles körperlich ok. Nur mental gings mir nicht besonders gut, denn ich dachte mir ich bin zwar im Training auch 3mal 40km gelaufen, aber das waren auch nur 3,5 Stunden :rolleyes: Also plante ich ab 4 Stunden stündlich eine Pause von ca. 1-2 Minuten zu machen. Bisher fühlte ich mich auch gut mit Energie-Drinks und Powerbar-Gel versorgt, welche mir Christian zu den vorher vereinbarten Zeitpunkten gab. In der 4.Stunde war ich ein paar Kilometer etwas zu schnell unterwegs, die bösen Blicke von Christian bremsten mich aber dann zum Glück wieder, und ich war wieder im Plan :) :)

So gings mir körperlich weiterhin zumindest nicht schlecht :\, nur mental immer weniger gut :( :( Bei der Hälfte dachte ich mir, jetzt bis Du bereits 6 Stunden unterwegs…hast aber noch 6 Stunden vor Dir…ich fühlte mich wie in einem Boot alleine weit draußen im Meer, nichts war um mich herum, kein Festland in Sicht geschweige denn ein Ende, soll ich einfach aufhören zu laufen/rudern und mich dem Schicksal ergeben und hoffen, dass das Ende/das Festland von selber kommt ? Wie solch ich weitermachen/weiterrudern ? Einfach so ohne Bezug zum Ziel – da vielen mir die Mails in den letzten Tagen mit Reinhold Strasser, dem Veranstalter ein, in dem er mir den Tipp gab ich soll mir kurzfristige Ziele setzen:

Also dachte ich mir, ich will jetzt mal über 71km laufen, also weiter als beim 6-Stundenlauf in Grieskirchen. Das war nach 62 Runden (6:48 Stunden) geschafft =) =)

Mein nächstes Ziel: ich will den 2.Marathon heute finishen, das war nach 74 Runden geschafft (8:17 Stunden) =) =)

Aber Festland war eigentlich noch immer nicht in Sicht :( :( Jede volle Stunde machte ich jetzt eine Pause von 2 Minuten, dann gings wieder etwas lockerer :\ :\ Mir fiel auch auf, dass mein Puls etwas runter ging, kann ich aber nicht erklären warum.

Mein nächstes Ziel: ich will die 100km knacken, bis dorthin machte ich alle 6 Runden eine Pause von 2 Minuten – nach 87 Runden geschafft, jetzt war ich schon 10:02 Stunden unterwegs.

So 2 Stunden noch, ein weiteres Ziel muss her: also wollt ich die 110km knacken, dazu brauch ich noch weitere 9 Runden, das klingt zwar nicht sonderlich viel, aber es tat bereits jeder Schritt weh :( - positiv war aber, dass ich bereits 10 Stunden hinter mir, und „nur“ noch 2 Stunden vor mir hatte, und auch schon die 100km in der Tasche, das gab mir mental einen positiven Kick und jetzt kam wieder mehr Freude auf :D

Ich machte ab nun alle 2 Runden eine Pause von 2 Minuten, mit meinem Tempo beim Laufen war ich sehr zufrieden, denn es lag bei 5:45 – 6:00 pro km…immer wieder wurden die Namen der Läufer durchgesagt, das gab mental einen Putsch wenn man das hörte und das Publikum anfeuerte. Toll vom Veranstalter, dass die Vornamen auf den Startnummer standen, so feuerten auch viele mit den Namen an. Es war also inzwischen reine Kopfsache was man nun tat, der Körper hatte nichts mehr mitzureden ;) ;) So war es auch wichtig, dass mich Christian in jeder Runde mental motivierte indem er mir sagte ich schau eh noch sehr gut aus, naja nur gefühlt hab ich mich halt anders :( :(

Nach 11:15 Stunden hab ich dann die 110km geschafft ;) ;) Ich fühlte mich nun so, als wäre am Horizont ein Schatten zu sehn und als würd einer schrein: „Laaaaaaaaaaand in Sicht“ :oah: :oah:

Einen Ruck gab mir das, und jetzt hab ich mir mit dieser neuen mentalen Energie noch ein letztes Ziel gesteckt, nämlich die 115km zu knacken – 4 Runden brauch ich dazu noch. Und da die Stimmung auch im Publikum noch besser wurde gegen Ende des Rennens, alle uns Läufer nur noch anfeuerten, waren diese 4 Runden dann fast etwas einfacher als jene in den letzten 5-6 Stunden. Nach exakt 100 gelaufenen Runden kam ich zu Christian, er stieg aufs Rad und begleitete mich noch die letzten 500m bis nach 12 Stunden eeeeeeeeeeeeeendlich :D :D das Signal durch Grieskirchen ertönte und alle blieben k.o. stehen (wenn Stehen überhaupt noch möglich war).

115,445 km hatte ich jetzt in den Beinen, ich spürte einerseits Schmerzen in meinem Körper, die ich in den bisherigen 37 Jahren noch nicht hatte, andererseits war die mentale Befreiung und Erleichterung noch viel größer ;

Dann freute ich mich aufs Duschen, ein (paar :D) Schluck Grieskirchner Bier und ein gutes Essen – muss ja irgendwie die 8.200 Kalorien die ich abgebaut habe wieder ausgleichen :D :D

Sehr gefreut habe ich mich dann noch bei der Siegerehrung, da ich in meiner Altersklasse 3. wurde und so einen Pokal mit nachhause nehmen durfte. So dachte ich mir also die Qual hat sich ausgezahlt, ich bin 12 Stunden laufend unterwegs gewesen, habe mein Distanzziel erreicht, einen Pokal gewonnen und mich wieder selbst neu kennengelernt ;)

Ein großes Dankeschön an meinen Freund Christian, der mich wie immer perfekt gecoucht hat :) :) :)

Darüber nachzudenken, ob ich mir so was noch mal antun werde, ist derzeit nicht sinnvoll, denn wie oft sagte ich mir nach meinen Marathons, dass es der Letzte war und ich komm einfach nicht davon los :D :D

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Offline Richy

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #2 am: 24.08.2008, 22:08:15 »
Unfassbare Leistung - genialer Bericht.
Ohne so etwas je gemacht zu haben, so wie Du es beschreibst, habe ich es mir in etwa vorgestellt. Also nix für mich :)

Du bist ein Wahnsinniger mit einer wahnsinns Kondi ..
Gratulation

Offline Heike

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #3 am: 24.08.2008, 22:21:38 »
sorry, aber du bist echt verrückt :)
12 stunden lang im kreis zu rennen... irre!

gratulation nochmal!
lg, Heike

Wer denkt, er kann, der kann.

Offline KITTY

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #4 am: 25.08.2008, 06:36:50 »
du versetzt mich immer wieder zum staunen. geniale leistung die du da vollbracht hast, gratuliere.
lg
peter

Offline heitzko

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #5 am: 25.08.2008, 10:21:12 »
ist echt unglaublich was du da geleistet hast!!!! von dir kann man noch eine menge lernen was die mentale einstellung anlangt! war quasi ein step by step unternehmen mit unglaublichem endergebnis!

Offline Mihi69

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #6 am: 25.08.2008, 10:21:17 »
Die Kilometerleistung ist echt ein Wahnsinn, unpackbar und ich weiß von was ich da spreche.
Nur so nebenbei erwähnt: Nächstes Jahr findet Wörschach wieder statt... :)

Offline stokecityrunner

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #7 am: 25.08.2008, 11:27:45 »
Wörschach wär interessant - aber bitte als Teilnehmer in einer Staffel :) :)
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Offline chribi

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #8 am: 25.08.2008, 16:08:50 »
gratulation zu der wahnsinnsleistung 12 stunden und dann noch sooo viele km

Offline Mihi69

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« Antwort #9 am: 25.08.2008, 16:29:01 »
...reden wir in einem Monat weiter...

Offline Tschitschi

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #10 am: 25.08.2008, 21:42:17 »
Respekt, irgendwie täts mich schon interessieren wie man sich so um Stunde 11
fühlt, aber gesunde Distanz (ok.... pure Angst!!) hält mich davon ab es zu wissen!
Gratulation!
"man muss wissen bis wohin man zu weit gehen kann" jean Cocteau

Offline crow

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2008-08-23 Ultramarathon - stokecityrunner
« Antwort #11 am: 11.09.2008, 14:13:07 »
Ein echt mitreissender Bericht. Eine unglaubliche Leistung, lässt einen Ironman wie einen Kindergeburtstag aussehen. Größte Hochachtung vor deiner mentalen Stärke. LG Andy
LG Andy
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The impossible is often the untried.[/u]