Autor Thema: 2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy  (Gelesen 331 mal)

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« am: 06.09.2008, 00:00:00 »
Datum: 2008-09-06
Event: Marathon du Medoc
Distanz: 42.195 km

Ersteller: Billy

Offline Billy

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #1 am: 06.09.2008, 00:00:00 »
Der längste Marathon der Welt


Es ist der schönste Marathon der Welt!

In der Anmeldung steht, dass alle, die schnell laufen wollen, fern bleiben sollen.
Verkleidet soll man auch laufen, und die Schlusszeit ist 6:30.
Das klingt nicht nur wie der perfekte Lauf für mich, das ist er!

Vortag:
Wir pilgern zur Startnummernausgabe. Günther ist schon einmal hier gelaufen und weiß, wo alles ist.
Es sind Stände mit Werbungen für andere Marathons in französischen Städten aufgebaut, wie Paris, Rochelle, Nantes oder Quebec. Ein Stand bietet noch Utensilien für Verkleidungen an, hauptsächlich Leis (Blumengirlanden) und lustige Hüte, aber auch falsche Busen und Popos. Ein anderer Stand verkauft Wein, Margit muss natürlich zuschlagen und ein Secherpack erstehen. Die Startnummernausgabe selbst ist gut organisiert, die Betreuer sind natürlich auch verkleidet. Im Startersackerl ist neben der Startnummer und Werbung (praktisch: ein Kalender mit französischen Laufveranstaltungen) auch ein hell-bordeaux-rotes ärmelloses T-Shirt dabei, auf dessen Rückseite ein Cartoon eines im Zickzack über die Strecke torkelnden Läufers zeigt mit der Beschreibung "Médoc - le marathon le plus long du monde". Margit freut sich, dass ihr T-Shirt tailliert ist. Mir ist das egal, ich hab eh keine Taille ;-) - ein bisschen frustrierend ist, dass ich Größe XL brauche. Man versucht mich damit zu trösten, dass die Franzosen anders messen. Dann gibt es auch noch mit Zucker überzogenen Lakritze eines Bonner Herstellers und eine Packung getrocknete Zwetschken, was mich zu einem längeren Heiterkeitsausbruch veranlasst. Wenn ich vor einem Lauf etwas nicht brauche, dann sind es getrocknete Zwetschken.
Dann führt uns Günther weiter zum Start. Dabei kommen wir an einem bairischen Maibaum und der Aufschrift "Pullacher Platz" vorbei. Ich erfahre, dass Pullach und Pauillac Schwesternstaedte sind, das ist nett.
Der Start ist auf der Hauptstrasse zwischen Bürgermeisterhaus und der Gironde. Es sind etliche Zelte aufgestellt für medizinische und kulinarische Versorgung. Was ich nicht sehe, sind Mobiklos. Hmmm, werden die 8000 Starter nicht last-minute-Toiletten brauchen?

Der Renntag: Start
Wir sind alle schon sehr aufgeregt und stehen früh auf zum Frühstück, bringen aber nur wenig hinunter. Wir trinken aber recht viel, um gut hydriert zu sein. Als ich die Laufhose anziehe, rutscht mir vor lauter Hektik das Band auf einer Seite in den Bunde hinein. Mist! So kann ich mit der Hose nicht laufen! Es ist aber schon Zeit zu fahren, also zieh ich eine normale Hose an, setzte ich mich an Steuer und verdonnere meinen Mann dazu, das Band aus meiner Laufhose rauszuzupfen (bei uns im Haushalt ist er für alles zuständig, was Feinmotorik erfordert). Ich fahre wie eine Wilde zum Start, zum Glück sind so früh sehr wenig Autos unterwegs. Knapp vor Pauillac biege ich in ein Waldstück ein und verwende die freie Natur anstelle der in P. nicht vorhandenen Mobiklos. Dann kommen wir zur Ortschaft, dort ist schon viel los. Autos parken an den Zufahrtsstrassen, viele verkleidete Menschen sind unterwegs. Wir fahren bis fast zum Bahnhof und steigen dann aus, ich schnappe mir noch meine Österreichfahne und dann ist Markus mit dem Auto schon wieder weg. Margit hilft mir, die Fahne an die Schultern zu pinnen, und wir gehen die letzten Meter zum Start. Dort findet sie tatsächlich ein Mobiklo mit einer langen Schlange von Frauen davor. Die Männer stehen aufgereit am Ufer der Gironde. (Das erklärt auch die eigenartige Farbe des Flusses)
Ein Politiker hält eine lange Rede. Es sind noch ein paar Minuten bis zum Start. Über den Kopfen der Starter hänge ein Seil, auf dem sich ein Mann mit einem Propeller hin und her bewegt. Plötzlich setzt ein Platzregen ein! Ich werfe die Fahne schützend über Margit und mich, aber da ist sie endlich dran und kann ins Klo. Nur noch drei Minuten Zeit bis zum Start. Die Menge zählt mit, die letzen Sekunden werden gebrüllt. Starttröte - pünktlich! Alles steht. Vorne laufen sicher schon Leute weg, aber hinten tut sich nichts. Langsam schieben wir uns weiter. Am Rande stehen einige Podeste, auf denen junge hübsche Mädchen im Bikini Fahnen schwingen. Ein zweites Seil ist gespannt, auf dem eine Seilkünstlerin einige Kunststücke zeigt. Alle sind aufgeregt. Ich hab eine Gänsehaut - vor Aufregung oder weil mir kalt ist? Endlich kommen wir über die Startlinie, es piepst. Ob es Brutto- oder Nettozeitmessung geben wird? Aber eigentlich ist das hier egal. Nach der Startlinie wird ein paar Meter gelaufen, dann müssen wir wieder gehen. Plötzlich stehen unsere Männer am Rand des Starterfeldes, wir holen uns noch ein letztes Dopingbussi, dann geht es weiter. Die Strecke wird in einer Schleife durch die Ortschaft geführt, es ist hier überall eng, besonders weil eine "Dampfwalze" alles blockiert. Für den ersten Kilometer brauchen wir 15 Minuten, Margit wird etwas nervös und hat Angst, bei diesem Tempo nicht ins Ziel zu kommen. Ich bremse sie aber, damit sie nicht mit unnötigen Überholmanövern Kraft vergeudet.

km1
Die Sonne ist mitlerweile herausgekommen, und ich merke, dass meine Fahne nass und kalt und schwer an meinem Rücken klebt. Jetzt würde ich sie gerne loswerden, aber einfach so? Wie durch ein Wunder stehen da wieder unsere Männer am Rand, die einfach quer gegangen sind und die Strecke abgekürzt haben. Ich nutze die Gelegenheit und Margit hilft mir, die Fahne wieder abzustecken. Ihren Dienst hat sie getan, wir sind fast nicht nass geworden. Hier ist Günther noch bei uns, aber dann verabschiedet er sich, wir laufen am ersten Chateau (La Rose Pauillac) mit Weinprobe vorbei, und ich sehe sicher mindestens 100 Leute dort hineinlaufen, die schon kosten. Günther hat sich vorgenommen, alle Proben mitzumachen (zumindest die direkt an der Strecke liegen, ca. 30+) Jetzt teilt sich das Feld schon etwas auf, und wir kommen etwas zügiger voran, aber laufen kann man es immer noch nicht nennen.

km2
Wir verlassen die Ortschaft und treffen auf die ersten Weingärten. Eine mutige Frau nascht von den Trauben; ich würde das nicht machen, denn gleich daneben stehen wieder scharenweise Männer, die nach der Gironde schon wieder eine Pause brauchen. Wir kommen durch ein kleines Dorf durch, die Bewohner haben alle Fenster und Türen aufgemacht und feuern die Läufer an; teilweise sind auch sie verkleidet. Es gibt eine kleine Schleife am zweiten Chateau (Bsges) vorbei, der Ausschank ist direkt an der Laufstrecke und daher staut es sich hier. Zum Glück gibt es auch Wasser. Zur Verpflegung hier eine Bemerkung: Wasser gabs alle 2,5 km und Iso alle 5 km, dazu Bananen, Orangen oder andere Früchte. Und natürlich kommt man ständig durch Weingärten durch.

km3
Schräg hinter uns lässt eine Frau einen schrillen Schrei los. Wir sehen uns um - da kommt sie, mit Strapsen, Tange, Mieder, alles in schwarzer Spitze und Leder, mit einer Peitsche in der Hand, und geht auf die Zuschauer los. Während wir noch schauen, kriegen wir von hinten Schläge auf den Popo. Ein Sadist, der einen Masochisten mit Augenbinde an einem Handband mitschleppt, peitscht "die Frauleins", der Masochist stöhnt und jammert hinten nach.

km4
Die Strecke biegt von der Straße ab und geht durch das schöne Ch. Haut-Bages-Líberal. Wir laufen auf Erde, die schon recht feucht ist, einersteits vom Regen, andrerseits weil hier wieder ein Getränkestand ist und viele Läufer das restliche Wasser samt Becher oder Flasche einfach wegwerfen.

km5
Die Strecke geht leicht bergauf. Hier sitzen auch Fotografen an der Strecke, aber die Landschaft ist besonders interessant, hier ist es wirklich schön. An einem Weinberg sehe ich etliche Mädchen zur Erleichterung stehen - entweder sind die französischen Frauen groß, breitschultrig und sehr geschickt - oder es sind keine.

km6
Hinter uns laufen zwei Burschen, die sich über uns unterhalten. Sie rätseln, woher wir kommen, ich verstehe Suisse. Einer (Dracula) nimmt sich ein Herz und fragt uns, wir antworten Autriche. Ab da haben wir einen Verehrer. Wann immer er uns überholt, brüllt er "Autriche". Ach ja, überholen: ein gleichmäßiges Tempo läuft hier niemand. Die Leute holen sich ihre Kostproben, überholen, interagieren mit anderen Läufern oder Zuschauern, es geht hier vorwärts und rückwärts, alles wurlt. Wir werden von den gleichen Kostümen immer und immer wieder überholt. Das ist auch sehr nett, wir lächeln uns zu und freuen uns, dass wir uns wiedersehen.

km7
Vorbei am Ch. Léoville. Das hat ein besonders schönes, beeindruckendes Tor in die Weinberge hinein, die hier durch eine Mauer geschützt sind (alle anderen Weingärten der Strecke waren frei zugänglich).

km8
Interessanterweise laufen wir an einem geschlossenen Chateau vorbei. Die hatten wohl keine Lust, sind der ganzen Veranstaltung anzuschließen. Na ja, man muss ja nicht.

km9
Wir kommen in die Ortschaft Beychevelle. Es ist für die Läufer geschmückt, alle Bewohner sind da und schauen, feuern und und es gibt sogar welche, die privaterweise kleine Häppchen anbieten. Wahrscheinlich ist das der einzige Tag im Jahr, wo hier was los ist. Ich überhole ein Spaceshuttle - wow, bin ich schnell. ;-)

km10
Wir laufen durch das Hintertor im Gatsch in den großen Garten des Ch. Beychevelle ein. Vor uns quälen sich die Radfahrer, die im Themenwagen "Weinlesetraktor" versteckt sind, durch den Untergrund. Zur Erklärung: die Weinstöcke der Gegend sind sehr niedrig und werden mit Traktoren bearbeitet, die hohe, schmale Reifen haben und die Werkzeuge als Aufsatz zwischen den Rädern befestigen. So ein Traktor ist nun aus Pappe auf zwei Fahrräder monitert, und wir werden durch eine Aufschrift aufgefordert, dazwischen durchzulaufen. Das ist mir aber etwas suspekt, weil es hier so rutschig ist. Wir gehen also nach und warten, bis der Weg wieder etwas breiter wird, dass wir vorbeilaufen können. Im Hof des Ch. stürzt Margit sich auf ihre erste Weinprobe. Plötzlich sehe ich Matthias ihr nachstürzen. Da kann Markus ja nicht weit sein, ich sehe mich im Getümmel um, finde ihn aber nicht. Da ich weiß, dass er Getümmel verabscheut, geht ich die paar Meter weiter aus dem Ch. raus und finde ihn dort. Große Wiedersehensfreude und Fototermin. Dann kommt Margit auch heraus, und wir laufen wieder weiter.

km11-14
Mittlerweile hat sich das Feld etwas gelockert, und wir sind auch außerhalb der Ortschaften. Es geht streckenweise auf der Straße, streckenweise zwischen den Weingärten im Gatsch. In den Ch. selbst laufen wir auf Kieswegen, die sind aber besonders unangenehm, ich sammle auch immer wieder Steine ein. Ein offenbar stark verletzter Läufer mit Verbänden überholt uns,  knapp dahinter eine "Krankenschwester" mit einer Riesenspritze (ohne Nadel) die sie ihm in den Popo sticht. Das ist auch nur eine Themengruppe, die ihre Possen treibt. Hier treffen wir auf einen etwas älteren Österreicher, der berichtet, dass er gemeinsam mit seinen Söhnen am Rennen teilnimmt, aber die Jungen haben sich schon nach vorne abgesetzt (die können die Strecke offenbar nicht wirklich genießen). Beim Ch. Lagrange merke ich, dass unser Tempo doch etwas zu schnell für meine Verhältnisse war. Ich wäre gerne in einem gemütlichen 8er-Tempo gelaufen, alles andere wäre für mich für einen Marathon zu schnell, aber Margit hat uns Richtung 7:30er bis 7er Tempo gezogen. Ausserdem merke ich noch etwas: durch den Regen am Start sind einige Teile meiner Haut nass geworden, die ich nicht mit Melkfett eingerieben hatte, und die fangen jetzt an, ganz schön unangenehm zu scheuern. Was soll's! Für einen richtigen Marathon bin ich eh nicht trainiert genug, und Margits Tempo kann ich nicht halten. So verabschieden wir uns, ich schick sie voraus, und ich gehe hintendrein. Sie soll den Männern ausrichten, dass sie auf mich warten sollen, ich fahre mit ihnen mit.

km15
Während ich so gehe, überholen mich etliche Läufer. Besonders nett ist eine Gruppe, die offenbar ein Chor ist, die singen wunderschön ein Lied mit einer bekannten Melodie (ich komm später drauf, es ist "griechischer Wein" auf französisch). Eine Zeitlang gehe ich hinter "Mario" her, ein nicht mehr ganz junger Mann, der einen alten Anzug trägt und ein Fahrrad (ohne Pedale) schiebt, auf dem jede Menge Küchenutensilien (Schöpfer, Töpfe, ...) hängen. Eine Gruppe singt lautstark auf französisch etwas, das wie "wir sind nicht müde, wir wollen was zu trinken" klingt.

km16
Hier warten Markus und Matthias auf mich, ich steig aus dem Rennen aus. Wir gehen zum Auto, das ziemlich weit weg geparkt ist, und fahren zu km21, wo wir auf Margit warten und die Läufer anfeuern.

km21
An der Kreuzung beim Chateau Mouton Rothschild haben wir einen guten Blick auf die Läufer. Ich sehe viele Kostüme, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Besonders zu erwähnen sind Elvis, ein Jesus mit einem echten Holzkreuz, Bäcker, die eine große Mühle mitziehen, und zwei Österreicher mit einer Fahne. Auch Günther kommt vorbei und wundert sich, mich hier zu sehen. Ich muss meine Schwachheit gestehen. Da kommt auch schon Margit - sie ist ein 6:30er Tempo gelaufen, jetzt legt sie richtig los! Ob das gut geht?

km32
Wir haben viel Zeit, um nach St. Estèphe zu fahren und auf Margit zu warten. (Matthias packt sogar einen Klappsessel aus und lümmelt drauf herum) Ich treffe bekannte und ungekannte Kostüme wieder. Eine Schar Luftwaffe schleppt eine Mirage mit. Einige Läufer sind als Weintrauben verkleidet. Auch hier herrscht. Immer noch Stimmung, kein Mensch wirkt müde. Matthias hat einen Bären in der Hand, mit dem er die Läufer anfeuert. Eine Läuferin kommt auf den Bären zugestürmt. Matthias winkt ihr mit den Bärenarmen. Sie packt sein Handgelenk, dreht es, blickt auf die Uhr, ist zufrieden und läuft weiter. Günther kommt auch vorbei, er wirkt ziemlich verschwitzt, aber sehr aufgekratzt. Es hat keine einzige Weinprobe ausgelassen und erklärt jetzt, dass er weiß, wie sein Kostüm heißt. Eigentlich ist er als Tropenforscher gestartet, aber jetzt hat ihn eine Zuschauerin als "Daktari" angesprochen. (Wer kann sich noch an die Fersehserie mit Clarence, dem schielenden Löwen erinnern?) Dann kommt auch Margit, leicht müde aber immer noch lustig. Sie freut sich sehr, von dem Bären angefeuert zu werden. Und hier steige ich, gut eingeschmiert und durch ein paar Bissen Jause, wieder ins Rennen ein.

km33
Nach St.Estèphe geht es leicht hinauf, Margit hat die Kraft, hier zu laufen. Sie ist ganz stolz darauf, vorhin so schnell unterwegs gewesen zu sein, damit sie hinten im Marathon noch genügend Zeit für die vielen angekündigten Fressstände zu haben.

km34
Wir laufen durch die wunderschöne Parkanlage des Ch. Ségur durch. Die Läufer haben hier eine Abkürzung über den Rasen genommen, statt den Kieweg zu laufen. Das Gras ist schon sehr zertrampelt. Ein etwas griesgrämig dreinschauender Gärtner klaubt die Plastikbecher auf, die nach der Getränkestation herumliegen. Zum Glück sind die Läufer nicht über sein Blumenbeet getrampelt, das lebt noch und leuchtet rot in die Landschaft.
Ein Schrei von der Seite: Matthias ist plötzlich am Wegesrand aufgetaucht und feuert uns an. Es geht bergauf, Margit ist mittlerweile etwas müde und will bergauf nur mehr gehen. Bergab laufen wir dann wieder.

km36
Die letzten Kilometer durch die Weinberge, in bewährter Manier rauf gehen, runter laufen. Vor uns stürzt eine Frau im Gatsch, wird von ihrem Begleiter hochgezogen und muss sich erst mal beruhigen. Jetzt wird es langsam mühsam.

km37
Beim Ch. Montrose bietet jemand Fahrräder zum Verleih an. Das könnte jetzt tatsächlich eine Versuchung werden.

km38
Wir kommen jetzt zurück zur langen geraden Strasse an der Gironde. Hier beginnen die angekündigten Fressstände, und tatsächlich stehen hier fast Zelt an Zelt. Einheimische sind (offenbar schon recht früh am Tag, weil ja dann gesperrt wurde) mit dem Auto hierhergefahren, haben Klappsessel und -tische mitgebracht, picknicken und sehen den Läufern zu.

km39
Es gibt einen Stand mit luftgetrocknetem Schinken. Margit stellt sich geduldig an, bekommt ein paar Stück und gibt mir und ein paar anderen Läufern davon ab. Der Schinken schmeckt sehr gut, saftig und salzig, gerade richtig. Die Bäcker mit ihrer Mühle überholen uns hier wieder, sie stecken einen Feuerwerkskörper an einen Flügel der Mühle, und sie beginnen sich zu drehen und vernebeln das Läuferfeld dahinter. Apropos Läuferfeld: kaum einer läuft noch richtig, viele gehen, wirken aber nicht wirklich müde, sondern genießen nur die Verpflegung und die Unterhaltung. Von der Mühsal der letzten Kilometer eines Marathons ist nicht viel zu merken. Die Partystimmung ist heiß wie am Anfang.

km40-41
Es gibt einen Versorgungsstand mit einem kleinen Schwimmbecken, in das manche Läufer hineinspringen.
Ich freue mich schon die ganze Zeit auf den angekündigten Käsestand, finde ihn aber nicht. Es gibt auch Austern, die muss ich nicht haben, aber dazu gibt es Weißwein, und den will ich schon! Er schmeckt sogar sehr gut. Dann gibt es Entrecote, da passe ich wieder, aber Margit schlägt zu. Es ist aber eher fett und flachsig. Dann gibt es Apfelsaft, hier schlage ich gerne zu. Obelix überholt und will uns zum Laufen anfeuern, aber wir bleiben bei unserem flotten Gehen. Der Eisstand, auch dazu hab ich keine Lust, aber Margit lässt hier nichts aus. Ein letzter Rotweinstand, wir greifen beide zu. Leider hat der Wein offenbar gar keine Zeit gehabt zu atmen, er schmeckt nicht besonders. Ein Schminkstand lockt mit "Arrive en beaué" und viele geschickte Hände zaubern die blaube Farbe zurück in die Gesichter der Schlümpfe oder malen Blümchen auf Feenwangen. Ich bin erstaunt, wie viele Läufer nach knapp sechs Stunden noch auf der Strecke sind. Ich mit meinem langsamen Tempo bin ja gewohnt, meist ziemlich einsam unterwegs zu sein, und für mich ist es eine wundervolle Erfahrung, mitten im Läuferfeld dabei zu sein und zu erleben, wie sich die Läufer gegenseitig anfeuern und motivieren.

km42
Pauillac ist erreicht! Es ist nicht mehr weit. Ich frage Margit, wann sie wieder zu laufen anfangen will. "Bei km42" na gut, ich nehme sie beim Wort und beim Kilometerschild an der Hand. Wir laufen durch den ersten, blauen Bogen - von hinten feuern uns noch unsere Männer an. Dann beginnt der berühmte rote Teppich. Vor uns ist eine Schar Soldaten im Tarnanzug unterwegs, die werfen sich plötzlich zu Boden und robben ins Ziel.
6:04:58 - und wir sind im Ziel. Die Zuschauer klatschen und jubeln.

Zielzelt
Gleich hinter dem Ziel gibt es viele Goodies:
eine große orange Sporttasche, in die eine Flasche Rotwein gepackt wird. Ein Regenschutz. An einer Schlange hätte es auch ein Gemüse gegeben, aber das hab ich zu spät bemerkt. Margit ist ein wenig sauer, dass ich sie dort nicht anstehen lassen habe (ich wollte sie nicht verlieren). Dann wird die Drahtschleife in der Startnummer abgezwickt, damit man sie nicht nochmal verwenden kann.

Ziel
Wir stürzen uns ins Versorgungszelt (offenbar haben wir unterwegs viel zu wenig bekommen) Es gibt Chips, Joghurt, Brote mit Aufstrich (foie grass, Honig, Marmelade, Frischkäse), Früchte, Rotwein (ein sehr guter diesmal) Bier (endlich!) Wir müssen überall zuschlagen. Dann schnell wieder hinaus, wo unsere Männer und auch Günther schon warten. Günther war nur ein paar Minuten schneller als wir und ärgert sich, dass er sich nicht mehr Zeit gelassen hat. Er erzählt auch, dass traditionellerweise die schnellsten Läufer im Ziel nicht bejubelt, sondern ausgebuht werden. Médoc ist eben ganz anders.

Müde gehen wir zum Auto und lassen uns nach Hause führen. Nach ausgiebigen Duschen und liegen sind wir munter genug, in Soulac noch einmal schön essen zu gehen. Margit bekommt von einem netten Mann am Nebentisch zur Feier ihres ersten Marathons ein Glas echten Champagners geschenkt. Wir haben alle viel Hunger und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Fazit:
Der Marathon von Médoc ist eine Reise wert. Mit ein bisschen mehr Vorbereitung kann man auch die Weinproben mitmachen. Es ist der schönste (wenn auch längste) Marathon der Welt. Oder vielleicht ist es auch die längste Party der Welt. Wer kennt schon den Unterschied, und: ist er so wichtig?

Offline boenald

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #2 am: 15.09.2008, 09:04:26 »
danke, ich hab deinen bericht sehr genossen, nur selberverkosten is feiner ;)
lg, b.
Paragraph eins: jedem sein´s.

Offline Gantenbein

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #3 am: 15.09.2008, 09:43:26 »
Geniale Fotos, genialer Bericht, genialer Lauf.....sollte ich unbedingt auf die Liste "der noch durchzuführenden Läufe" setzen.
Füllkilometer können mir gestohlen bleiben !

Offline Conny

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #4 am: 15.09.2008, 15:35:08 »
ja, vielleicht wirds mal was mit einem Familienausflug :)

Offline elisabeth

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #5 am: 16.09.2008, 11:03:48 »
lässige fotos, danke.
hört sich nach einem sehr netten event an!!!

Offline heitzko

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #6 am: 16.09.2008, 13:45:07 »
einfach genial dein bericht!!! danke!!! ich habe mich gerade total zerkugelt :D :D! dort muss ich auch mal laufen!

Offline chribi

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #7 am: 16.09.2008, 14:35:53 »
danke, super bericht und lustig !!!!!! ich glaub das wär was für mich, na schau ma mal vielleicht wirds mein 20 er

Offline Richy

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #8 am: 17.09.2008, 11:41:48 »
Klingt echt gut - lässiger Event - lässiger Bericht.
Danke dafür

Offline Heike

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2008-09-06 Marathon du Medoc - Billy
« Antwort #9 am: 18.09.2008, 11:55:51 »
ist das lässig! besonders cool finde ich, dass es für deine freundin der erste marathon war. ich glaub, da will ich auch mal hin :).
lg, Heike

Wer denkt, er kann, der kann.