Autor Thema: 2010-11-28 Firenze Marathon - katzie  (Gelesen 291 mal)

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« am: 28.11.2010, 00:00:00 »
Datum: 2010-11-28
Event: Firenze Marathon
Distanz: 41.195 km

Ersteller: katzie

Offline katzie

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #1 am: 28.11.2010, 00:00:00 »
Hoch gepokert und verloren... Florenz 2010

(achtung: LANG!)
 
Wie hab ich mir damals vor dem Vienna City Marathon so schön gedacht? „Einen Marathon sind wir noch immer gelaufen“ ???  Ein weiteres Kapitel zum Thema: „Und gelernt daraus? Nix!“


Nachdem ich den 100 Kilometer Lauf ja relativ gelassen genommen habe und der Graz Marathon mir eine neue Persönliche Bestzeit gebracht hat, war ich der Meinung: In Florenz lass ich’s noch mal so richtig krachen! Und auch mein Coach (Papa) war dieser Meinung. Zumindest hat er so getan und mich angestachelt, hoch zu pokern. Ich würde einfach mit dem 3:30er Paceläufer mitziehen und das Ding dann irgendwie ins Ziel bringen. Also eine neue Fabelzeit rennen, ganz klar. Ganz klar ein klassischer Fall von „Denkste!“ würde ich sagen…


Die Vorbereitung lief mittelprächtig. Eine massive Verkühlung mit allem Drum und Dran, inklusive Temperatur und einer dekorativen Fieberblase. Als ich am Donnerstag die Rüsselseuche halbwegs in den Griff bekommen habe, bin ich guter Dinge, packe meine Sachen und am Freitag, dem 26. November geht es los. Unterwegs beginnt es zu schneien. Kein gutes Omen, dass mir das Italientief schon entgegenkommt.


Der erste Stau auf Höhe Udine bringt mir eine neue Bekanntschaft ein. Als ich nämlich im Stau stehend ein SMS schicke, beginnt ein Mann im Auto neben mir, herumzufuchteln und mir zu deuten, dass es verboten sei, SMS zu schreiben beim Auto fahren. Ich beschließe, den Typen zu ignorieren und tippe weiter. Zwei Minuten später reißt der Kerl die Fahrertür meines PKW auf und ein Schwall italienischer Information wird über mir ausgeschüttet. Ich mache ihm klar, dass ich nicht Italienisch kann und er lamentiert auf Englisch darüber, dass es, verdammt noch mal, verboten sei, während dem Auto fahren das Handy zu benützen. Ich deute auf den massiven Stau vor und hinter uns und gebe zurück: Wir FAHREN ja nicht. Wir stehen. Und im stehenden Fahrzeug ist es SEHR WOHL erlaubt, sein Handy zu benützen! Kopfschütteln, der Typ zerrt einen Ausweis hervor und gibt sich als Polizist zu erkennen. Ich greife zu meiner Handtasche, ziehe meinen Ausweis hervor und sage: „Ich auch, und jetzt???“


Endergebnis: an der nächsten Ausfahrt fahren wir hinaus, trinken zusammen einen Kaffee und tauschen die Telefonnummern aus. Andrea (ja, das ist in Italien ein Männername) wünscht mir noch eine gute Fahrt und ich begebe mich weiter auf meinen Weg nach Florenz.


Nach gut acht Stunden bin ich endlich am Ziel. Ich spreche beim Platzwart des Campingplatzes vor und bekomme einen miesen Standort weit weg vom Sanitärcontainer zugewiesen. Beim Aussteigen aus dem Bus versinken meine Füße bis zu den Knöcheln im Matsch. Aha, auch hier in Florenz regnet es schon seit Tagen. Ich marschiere mit schlammquietschenden Schuhen die gut 500 Meter bergauf zur Toilette und gehe dann noch schnell eine kleine Runde laufen. Es beginnt zu nieseln.


Am Samstagmorgen schaue ich aus dem Fenster des Busses in strömenden Regen. Ich ziehe mich warm an und gehe eine kleine Runde laufen, dann schlüpfe ich in trockene Sachen und mache mich auf den Weg zur Marathonmesse. Etwas enttäuschend diesmal, es sind zwar noch mehr Aussteller als voriges Jahr vor Ort, aber die Preise sind alles andere als Messepreise. Ich hole meine Startnummer, wofür ich erst beim „Troubledesk“ meine Bestätigung ausdrucken lassen muß, weil das Format von meinem Heimcomputer nicht unterstützt wird und somit das Ausdrucken Zuhause nicht möglich war. Dann gehe ich in den angrenzenden Ausstellungsraum, um das Startsackerl zu holen, in dem sich heuer eine knielange Laufhose im typischen „firenze marathon“ Design befindet. Ich mag 3/4 Hosen und freue mich sehr. An dem allgemeinen Fanartikelstand für den Marathon erwerbe ich eine Florenz-lilafärbige Fleecejacke um 20,-- Euro und ziehe sie gleich an. Kuschelig warm, eine wirklich gute Entscheidung! Dann kaufe ich noch ein Busticket und etliche Powerriegel beim Enervitstand und begebe mich auf den Heimweg durch die Stadt. Dort schlendere ich durch einige Bekleidungsgeschäfte, aber irgendwie ist mir der italienische Modeverstand fremd. Und die Größenbezeichnungen schwer unsympathisch!


Gegen 16:00 Uhr bin ich wieder beim Auto und richte mir etwas zu essen und kuschle mich in die Decken ein. Es ist feuchtkalt und es regnet noch immer – oder schon wieder? Ich lese noch „Biss zum ersten Sonnenstrahl“ zu Ende. Momentan hab ich mich wohl von der allgemeinen Begeisterung für Vampirstories anstecken lassen. Es ist 21:00 Uhr, als ich das Licht ausschalte und zu schlafen versuche. Vergeblich zu schlafen versuche. Ich weiß, dass ich morgen nicht viel Gelegenheit haben werde, mich zu erholen, also liege ich zumindest im Bett und warte auf das Sandmännchen. Aber das ist wohl in einer Mure verschüttet worden und so döse ich erst irgendwann sehr spät ein. Der Wecker ist auf 05:00 Uhr morgens gestellt.


Pünktlich um 05:00 Uhr grabe ich mich mit steifen Gelenken aus dem riesigen Berg aus Decken, in den ich mich über Nacht eingebaut habe. Zum Glück habe ich immer jede Menge davon im Auto und kann bei Bedarf jederzeit nachdosieren. Und in der Nacht herrschte allerdings Bedarf. Schnell eine Jacke übergezogen, mit dem Regenschirm bewaffnet und zur Toilette gepilgert. Dann richte ich mir im Bus ein Müsli und zwinge mich, einen halben Liter Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Anschließend krieche ich wieder in meinen Deckenhaufen und versuche, noch etwas zu schlafen, bis der Wecker zum Zweitenmal klingelt.


Als es Zeit ist, „richtig“ aufzustehen verrät mir schon der erste Blick: es regnet noch immer. Das geplante Outfit mit 2XU Socks, kurzer Laufhose, ärmellosem Shirt und Ärmlingen wird um die Ärmlinge reduziert und um das langärmelige Florenz Marathon Shirt erweitert. Und Handschuhe. Beim Laufen wird mir dann eh warm werden. Denke ich zumindest. Dann begleiche ich noch meine Campingplatzrechnung, damit ich nach dem Lauf gleich losstarten kann. Wobei das noch sehr fraglich ist, denn die Zufahrtsstraße zum Campingplatz ist auch Teil der Laufstrecke. Und die ist natürlich heute gesperrt. Naja, darüber mach ich mir nach dem Marathon Gedanken.

 

Gewissenhaft creme ich alle „üblichen“ Stellen mit Hirschtalg ein, besondere Hingabe schenke ich heute meinen Füßen und den Knien. Den Füßen natürlich, um sie vor dem Aufscheuern in den nassen Laufschuhen zu schützen und den Knien, weil ich irgendwie hoffe, dass die Sportcreme eine nanobeschichtungsartige Wirkung entwickelt und den kalten Regen von meinen Gelenken flink abperlen lässt. Ich sollte weniger Werbung schauen.


Pünktlich um 08:30 Uhr husche ich in meinen Startblock. Dort stehen wir dann bis 09:15 Uhr, da sich der Start – welch Überraschung – mal wieder verzögert. Alle tragen Müllsäcke mit Werbeaufschriften, darunter uralte Kleidungsstücke und einige haben sich auch in die silbernen Wärmefolien gewickelt, die man im Ziel von vielen Langstreckenbewerben bekommt. Ich habe mir über meine normale Laufgarderobe den obligatorischen Müllsack um die Taille gebunden, um meine Beine warm zu halten und trage dazu ein modisches transparentes Regencape, das ich irgendwann um 50,-- Cent in einem Billigladen erworben habe. Irgendwann im Laufe der Startvorbereitungen werfen fast alle ihre Plastikhüllen von sich und teilweise über den Zaun der Startblöcke. Besonders schlaue Zeitgenossen lassen ihr Zeug einfach dort zu Boden fallen, wo sie stehen und die hinter ihnen Startenden dürfen dann durch das nasse Zeug waten und müssen teuflisch aufpassen, dabei nicht zu Sturz zu kommen. Gegen 09:20 Uhr setzt sich das Feld tatsächlich  in Bewegung und wir marschieren in Richtung Startbogen entlang der Viale Michelangiolo. Die blauen Ballons mit der 03:30er Pace werden von mir ins Visier genommen. Neben mir spricht man tirolerisch, vor mir schwäbisch und als wir endlich loslaufen dürfen, folge ich den blauen Ballons. Das Tempo ist ziemlich zügig, aber ich habe das Gefühl, es könnte klappen. An der ersten Labestelle nach fünf Kilometern beginnt sich das Gefühl von mir zu verabschieden. Ich trinke einen Schluck Wasser on the rocks. Es ist eisig kalt, die Getränke sind es auch. Die Temperatur wär nicht mal für Bier ideal. Brrr…

 
Die Straßen sind sehr uneben, viel Kopfsteinpflaster, dazwischen immer wieder riesige Pfützen von unvorhersehbarer Tiefe. Zur Sicherheit umläuft man diese Pfützen. Aber immer wieder gibt es Läufer, die trotz der guten Erkennbarkeit des nassen Hindernisses Vollgas in die Lache reinplatschen. Einer dieser Helden des Alltags hat es geschafft, mich bei Kilometer sieben bis zur Hüfte hinauf mit Schmutzwasser vollzuschwappen. Ich registriere einen kurzen Anflug von Wut, gefolgt von der in solchen Situationen immer wieder kehrenden Frage: „WARUM machen die das? Sind das alles Menschen, die als Kinder von ihrer Mami verboten bekommen haben, in Regenpfützen herumzupatschen und jetzt, endlich erwachsen und nicht mehr auf Mamis Verbote hören müssend, voller Freude in jedes Wasserloch springen? Machen die das aus Bosheit? Machen die das aus Blödheit? Warum auch immer, aber das nasse Zeug fühlt sich nicht gut an und das Wissen um eine Mischung aus Straßenstaub, Autobetriebsflüssigkeiten, Hundekot und ich-wills-gar-nicht-so-genau-wissen, verdünnt mit saurem Regen auf meiner Haut und meinen Laufsachen hebt meine Laune nicht wirklich. Außerdem ist mir jetzt womöglich noch kälter als ohnehin schon. Auch mein rechter Handschuh ist patschnass geworden bei der unnötigen Aktion.

 

Nach neun Kilometern klamüsere ich das erste Powergel aus der linken Oberarmtasche. Vanille. Ich habe diesmal kein Gel mit Koffein dabei, dafür zwei Panaceo Guarana Kapseln in der rechten Handgelenkstasche. Meine Handschuhe habe ich schon vor zwei oder drei Kilometern ausgezogen, mit dem kleinen Karabiner zusammen- und über das Startnummernband gehängt. Sie waren  nass und klamm geworden und zumindest der rechte hatte sich so mit Wasser angesogen, dass ich das Gefühl hatte, einen Waschlappen  zu tragen. Sie wippen nun bei jedem Schritt und wandern immer wieder nach vorne. Sie nerven mich. Ich drücke das Powergel aus der Verpackung und habe sofort verklebte Finger. Feinmotorik bei diesen Temperaturen? Negativ. Während ich weitertrabe, lecke ich das klebrige Zeug von meinen Fingern und versuche, mir nicht vorzustellen, was inzwischen alles an Schmutz auf meiner Haut klebt. An der nächsten Schwammstation werde ich dankbar zugreifen und eine Generalreinigung meiner Greifelemente durchführen. Fürs erste nehme ich mir an der 10-Kilometer Labestelle einen Becher Tee (eiskalt) und einen Becher Wasser (eiskalt). Den Tee trinke ich, vom Wasserbecher nehme ich nur einen Schluck zum Nachspülen und den Rest benutze ich, um meine Finger abzuspülen. Es funktioniert nur leidlich.


Die neue Streckenführung liegt mir überhaupt nicht. Wir kommen an Stellen gleich zu Beginn vorbei, die bisher kurz vor dem Ziel passiert worden sind. Gleich nach der Labestelle reicht es mir dann endgültig und ich werfe die Handschuhe zur Seite. Fast drei Kilometer lang habe ich überlegt. Die Handschuhe mag ich. Aber sie nerven mich enorm. Sie stören mich und auch wenn sie mich wohl keine wertvollen Sekunden kosten werden, schlägt mir der ständige Kampf mit den herumflatternden Dingern auf die Moral. Also weg damit. Ich habs mir echt nicht leicht gemacht.


An der Schwammstation bei Kilometer 15 versuche ich erneut, meine verkleisterten Finger zu reinigen. Mit mäßigem Erfolg.

 

Der Regen ist inzwischen wieder stärker geworden. Florenz ist von Hügeln umgeben, was ein wenig an Graz erinnert und vermutlich denselben Effekt auf die Luftqualität hat. Mir ist schon in der Früh aufgefallen, dass ich nicht so richtig gut durchatmen konnte. Aber ich hab mir den Asthmaspray verkniffen. Irgendwie kommt es mir nicht redlich vor, obwohl ich ein Präparat verwende, das eindeutig nicht auf der NADA Liste steht. Auch, wenn mein Sommertrainingspartner mir in unbestechlicher Logik erklärt hat, dass ich mit dem Spray eigentlich nur das wieder gut mache, was die Natur an mir verbockt hat. Trotzdem, ich habs gelassen. Das bereue ich momentan zutiefst. Rundherum so viel Luft, aber Sauerstoff kommt viel zu wenig bei mir an und das, wo wir gerade erst die „grüne Lunge von Florenz“, den Cascine Park verlassen haben. Ich spüre, wie meine Bronchien anfangen zu verweigern und versuche, tief und langsam zu atmen. Meine Lungenflügel wollen sich irgendwie nicht so richtig füllen und es fühlt sich an, als hängen zwei nasse Wollmäntel hinter meinen Rippen. Als eine Spaziergängerin einen störrischen Mops an der Leine hinter sich her entlang des Gehsteigs schleift, hätte ich ihr am liebsten gesagt: „Gnä Frau, lassen Sie das Gezerre, der kann einfach nicht schneller, weil er nicht genug Luft kriegt. Und ich weiß genau, wie er sich grade fühlt.“ Keine Ahnung, was das auf Italienisch heißt.

 

Ich denke daran, dass ich nach dem Zieleinlauf noch mindestens sieben Stunden Autofahrt vor mir habe und versuche, mir vorzustellen wie ich nach dem Marathon unter die heiße Dusche steige, danach erholt und erfrischt den Heimweg antrete. Aber meine sonst so rege Phantasie lässt mich grade völlig im Stich. Dafür frisst sich ein anderes Wunschbild in meine Festplatte: eine heiße Badewanne mit Muskel- und Gelenksbadezusatz. Oder Erkältungsbadeöl. Kerzenlicht, im Hintergrund romantische Musik. Nein, das mit der romantischen Musik will nicht so recht klappen, denn meine Favoriten für Musestunden sind Era und ähnliche düstere Klänge. Dafür laufe ich grade an einer Blasmusikkapelle in militärisch wirkenden Uniformen vorbei, die aufs Schrecklichste durcheinandertröten. Keine Ahnung, ob das nun Jazz sein soll oder einfach zum Spaß improvisiert wird. Aber die umstehenden Zuschauer wirken deutlich gestresst, also scheint auch ihnen die Musik nicht so sehr zuzusagen. Es ist die Stelle, an der ich voriges Jahr im Vorbeilaufen Zeugin eines Heiratsantrages war. Es war ein berührender Moment, denn ich habe schon beim Herunterlaufen von der Brücke gesehen, wie der Läufer vor einer Zuschauerin auf die Knie gestürzt ist und irgendetwas gerufen und herumgefuchtelt hat. Die bekniete Zuschauerin hat tief bewegt etwas Zustimmendes gerufen und rundherum wurde geklatscht und gratuliert. Wirklich beeindruckend. Heute gibt’s keine Heiratsanträge, aber immerhin holt sich einer der Läufer vor mir einen Kuss von einer Zuschauerin ab, vermutlich seine Holde, vielleicht sogar das Pärchen von 2009? Diese Überlegungen beschäftigen mich zumindest so lange, bis die nächste Labestelle da ist. Ich will eine Koffeinkapsel nehmen, aber in der nassen Tasche haben sich die Dinger völlig aufgelöst und ein brauner Kleister schmiert sich um meinen Autoschlüssel und den Notfallseuro. Na sehr super. Kein Koffeinschub heute. Und das, wo ich allein gestern auf dem Weg von Graz nach Florenz acht Kaffee getrunken habe. Ich krieg gleich einen Koffeinunterdings…

 

Ich schnappe mir einen Becher Isodrink und einen Becher Wasser und gehe mal ein paar Schritte. Aktive Regeneration. Kreative Gehpause. WAS MACH ICH HIER EIGENTLICH???!!! Gedanken, die mir noch nie in dieser Art durch den Kopf gegangen sind. Und meine Verkühlung scheint auch grade den Hintereingang in mein Immunsystem gefunden zu haben. Mir ist kalt, ich habe Kopfweh und überhaupt, mi: „Aller guten Dinge sind drei“, beschließe ich, Florenz nun künftig aus meinem Laufkalender zu nehmen.

 

Während ich wieder anlaufe, versuche ich meine Gedanken auf andere Dinge zu lenken. Zum Beispiel auf  die Tatsache, dass ich noch vor einer Woche sicher war, in der Saison 2011 mit dem Triathlon – natürlich nur auf der Kurzdistanz – zu beginnen. Aber mir fällt grade wieder auf, wie wenig ich von Wasser halte. Ob es nun von oben kommt oder ich in aller Früh direkt reinhüpfen und darin rumpaddeln muß – ist doch egal – Triathlon scheint wohl doch nicht so ganz meins zu sein. Aber welcher Sport soll es denn sonst sein? Eigentlich liegt mir eh nur das Laufen. Und das nur, solange es nicht zu nass ist.


Heute finde ich keinen einzigen der Müllsackläufer merkwürdig, sondern bedauere innerlich, dass ich mein elegantes Regencape am Start von mir geworfen habe. Jetzt könnte ich mich darin einwickeln und würde vielleicht nicht ganz so frieren. Ich habe das Gefühl, das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen wurde in Florenz erdacht. Die Bilder in meinem Kinderbuch schauen auch direkt danach aus, war das nicht der Vasarikorridor, in dem das arme Wesen am Neujahrsmorgen erfroren gefunden wurde? Heut ist zwar erst der erste Adventsonntag, aber immerhin. Außerdem riecht es hier nach Grillhendl. Im Märchen roch es nach gebratener Gans, aber vielleicht war das nur ein Übertragungsfehler.

 

In manchen Unterführungen riecht es aufdringlich nach süßem Gebäck. Als ob sich das bisschen Wärme dieses Tages zusammen mit ein klein wenig Wohlgeruch unter den Brücken zusammenkauern würde wie ein frierender Bettler. Ich versuche, einen tiefen Atemzug zu nehmen und hoffe, dass ich damit ein klein wenig meine Psyche füttern kann. Aber die mag heute nicht. Wie ein Suppenkaspar verweigert sie auch die Leckerchendufthappen und verbreitet weiterhin Übellaune. Es ist nass, es ist kalt, was willst Du, sei froh dass wenigstens der Körper funktioniert! Ja, in der Tat. Ich bin äußerst froh, dass der Körper funktioniert. Naja, gewisse Systemeinschränkungen in der Feinmotorik mal nicht beachtet, aber zumindest habe ich noch keinen richtigen Krampf gehabt, obwohl ich schon ein paar Minikrämpfe in der Fußsohle gespürt habe. Kunststück, meine Schuhe sind patschnass, bei jedem Schritt spüre ich ein leises Quatschen, wenn mein Körpergewicht das Wasser aus dem Innenleben des Schuhs drückt. Immer noch besser als das Geräusch, das einer der Laufschuhe eines nahe hinter mir laufenden Burschen macht. Ich drehe meinen Kopf zu ihm hin und er erklärt mir lachend, was es mit dem Geräusch auf sich habe. Ich verstehe natürlich wieder kein Wort, aber ich nicke ihm grinsend zu, denn ich habe auch so schon vermutet, dass es ein Nike Air sein muß, dem grade die Luft ausgeht. Was scheinbar das Motto der NIKEs dieses Tages ist, denn unterwegs treffe ich noch mehrmals auf pfeifende Laufschuhmodelle. Und auf Läufer, die mit Krämpfen am Streckenrand stehen und entweder selbst Hand anlegen oder sich von Streckenbegleitungen beim Dehnen der krampfenden Muskulatur behilflich sein lassen. Nur unwesentlich dankbarer trabe ich weiter vor mich hin. Wir haben schon drei Brücken überquert und haben grade erst den Halbmarathon hinter uns. Der neue Kurs führt irgendwie zick zack durch Florenz, das findet auch ein spanisch sprechender Läufer neben mir, den ich einigermaßen verstehe. Leider versteht er mein Spanisch nicht, aber das hätte mich auch sehr gewundert. Die Kälte und die Anstrengung haben mein Sprachzentrum fast völlig lahmgelegt und auf einige wenige Teile beschränkt. Einer dieser Teile scheint für saftige Flüche zuständig zu sein, denn innerlich fallen mir lauter weniger nette Dinge ein, während ich um schlecht ausgebesserte Schlaglöcher herumlaufe, von anderen Läufern angerempelt werde, die plötzlich einen Leistungsschub verspüren und der Meinung sind, man solle doch bitte auch hinten Augen haben und merken, wenn sie dahergestürmt kommen.


Eine Tankstelle, die heute geschlossen hat, hat ihre Treibstoffpreisanzeige manipuliert, sodass nun statt der astronomischen italienischen Zahlen für Benzin und Diesel „Go! Go!“ auf der Tafel steht. Das finde ich nun wieder nett und muß daran denken, wie begeistert wir in der Schule waren, als wir dahinter gekommen sind, dass man mit dem Taschenrechner auch schreiben konnte. Wahnsinnig aufregende Dinge wie „OEL“ – also 730 und dann den Taschenrechner umdrehen. Oder „ESEL“ – sprich, 7353 und dann den Taschenrechner umdrehen…. Heutzutage können die handelsüblichen Taschenrechner noch ganz andere Dinge, aber – hey, das ist immerhin 22 Jahre her! AUA, ich fühle mich spontan etwas … na ja …. Nicht mehr ganz so jung…

 

Die 25 Kilometer Labestelle bringt wenig Neues, ich habe kurz zuvor meinen Powerbar geknabbert, trinke jetzt zwei Becher Tee, davon ist einer doch tatsächlich lauwarm und trabe wieder vorsichtig an. Bei dem Gedanken an das zweite Powergel schüttelt es mich vor Ekel und ich stelle wieder einmal überrascht fest, wie wertlos meine Vorausberechnungen der Wettkampfverpflegung jedes Mal sind. Tee hatte ich gar nicht eingeplant. Auch keine Isodrinks. Aber das zweite Gel sollte jetzt schon in meinen Magen gewandert sein, welcher sich bei der bloßen Androhung einer zweiten Portion süßen Klebematschs bereits verdächtig nach oben aufrollt. Na gut, dann nicht….

 
Wir laufen irgendwie ziemlich weit aus der Stadt raus und traben plötzlich in Hörweite zur Autobahn. Oder zumindest einer Durchzugsstraße, denn der Lärm von Fahrzeugen in hoher Geschwindigkeit weht mit dem stärker werdenden Wind zu uns herüber. Ich sehe Läufer in dicken Jacken, mit Haube und Fäustlingen und finde das gar nicht abartig. Ich sehe eine Läuferin in kurzem Leibchen und einer dieser Bikinihosenartigen Dinger mit kurzen Söckchen und finde das höchst abartig. Ich sehe plötzlich den 03:45 Luftballon neben mir und beschließe, darüber nicht nachzudenken. Ich habe zu hoch gepokert und muss nun den Preis dafür zahlen. Auch wenn ich versuche, mein Tempo zu erhöhen, es geht einfach nicht. Ich schaffe es zumindest, den 03:45 er Luftballon bis zur 35 Kilometer Marke nicht aus den Augen zu verlieren, aber das wars dann auch schon. Als ich einem Fotografen entgegenlächle, spüre ich gleich darauf, wie mir Blut übers Kinn rinnt, weil meine Unterlippe aufgesprungen ist. So what? Schön langsam könnts dann zu Ende gehen… wie weit ist es denn noch?

 

Bei Kilometer 39 laufen wir doch tatsächlich über die legendäre Ponte Vecchio und ich versuche erneut, das Tempo zu erhöhen. Und scheitere wieder. Mein Körper ist völlig ausgekühlt. Es reicht zwar noch, systemerhaltend dahinzutraben, aber Tempo ist nicht mehr drin. Durch die engen Straßen der Altstadt beiße ich mich durch, strahle in die Zuschauermenge, die uns Läufer anfeuert. Ich finde es toll, dass es Menschen gibt, die so viel Begeisterung dafür aufbringen, dass andere Leute Sport machen, dass sie sich bei so durchwachsenem Wetter an der Strecke aufstellen um uns anzufeuern. Sie können nichts dafür, dass ich sprichwörtlich auf dem Zahnfleisch daherkomme und so bringe ich meine immer wieder vor Kälte und Erschöpfung entgleisenden Gesichtszüge unter Kontrolle und lächle blicklos vor mich hin, die Gedanken nur noch auf das Durchkommen gebündelt. Bald ist es vorbei, nur noch 1,5 Kilometer. Was ist das schon? Ein Klacks. Aber unendlich weit an einem Tag wie heute.

 

Mit einer Bruttozeit von 03:50,36 Stunden laufe ich über den für den Florenz Marathon  typischen blauen Teppich am Piazza Santa Croce durch den Zielbogen. Netto wird meine Zeit 03:48,55 Stunden herauskommen.

 

Im Ziel wanken die Läufer zitternd zu den Folienausgaben. Ich bekomme meine Medaille und hänge sie mir im Weitergehen um. Dann schnappe ich mir eine Folie und versuche, mich darin einzuwickeln, aber ich schaffe es kaum, so klamm sind meine Hände. Manche Läufer schüttelt es vor Kälte so sehr, dass man meinen könnte, der regennasse blaue Teppich stünde unter Strom. Bei der Chiprückgabe bekommen wir diesmal die 5,-- Euro Einsatz nicht zurück, ich will mir darüber keine Gedanken machen. Ich bekomme das Finishersackerl in die Hand gedrückt und greife gleich nach der Orange darin. Vitamin C. Immunsystem stärken. Dann hole ich mir einen Becher Tee und marschiere direkt zurück zum Campingplatz. Rein ins Auto, raus aus den nassen Sachen!

 

Nackt und vor Kälte zitternd wickle ich mich in eine Fleecedecke und kauere mich vor den Heizstrahler, um endlich aufzutauen. Erst weit über eine Stunde später ist mir warm genug, dass ich in der Lage bin, meine Alltagskleidung anzuziehen und mich hinter das Lenkrad zu setzen.

 

Aufgrund des massiven Schneefalls und etlicher Unfälle auf der Autobahn fahre ich 14 ½ Stunden bis nach Graz. Danach habe ich gerade noch genug Zeit, die nassen Sachen aus dem Auto zu räumen und gehe volé zur Arbeit. Als ich dort ankomme, habe ich bereits sieben Tassen Kaffee intus. Ich habe bis 17:00 Uhr Ausbildungstag und dann um 18:30 Uhr halte ich wie immer meine Turnstunde ab. Interessant, was der menschliche Körper schafft, wenn er muß….

Am zweiten Adventsonntag laufe ich gemütliche 30 Kilometer durch tiefen Schnee und Kälte. Es ist anders, es ist schön. Und daheim gibts ein heißes Schaumbad.

Manchmal läufts eben. Und manchmal läufts nicht. Im Vergleich zu andern Startern gings mir in Florenz doch noch ziemlich gut, ich bin in der W30 auf Rang 45 von 210 Starterinnen gelandet.
neun Leben!

Offline Don Tango

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #2 am: 06.12.2010, 11:05:17 »
Super Bericht. Ich fühle mit dir ;) Nur... bei mir wars am Samstag schön!?


>> you'll never know, unless you go <<

Offline katzie

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #3 am: 06.12.2010, 12:20:28 »
äh... in WELCHEM TEIL von Florenz warst Du? Aber stimmt ja, Samstag war nur kalt allein, nachdem der Regen aufgehört hat... Upps, ändern
neun Leben!

Offline KITTY

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #4 am: 06.12.2010, 16:10:22 »
Kann mich eleon´s worten nur anschließen. Toller Bericht wo ich alles wieder miterlebt habe im geist. hab mir ja auch den A... abgefroren und noch einiges mehr :D aber wie gesagt bei mir war es am samstag auch traumhaft schön in florenz ;)
lg
peter

Offline shiloh

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #5 am: 07.12.2010, 20:37:42 »
also ich kenn einige Trias, die wasserscheu sind, Kälte hassen, das Schwimmtraining nach Möglichkeit meiden und generell nur herumsudern, was die erste Disziplin betrifft - und sind doch meist scheller als ich, diese Pharisäer :(
It`s good to have an end to journey toward, but it`s the journey that matters, in the end. (Ernest Hemingway)

Offline katzie

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #6 am: 07.12.2010, 22:55:00 »
@shiloh: sind wahrscheinlich eh nur deswegen so schnell, weil sie so schnell wie möglich wieder aus dem Wasser rauswollen.... ;-)
neun Leben!

Offline heitzko

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #7 am: 08.12.2010, 09:24:59 »
brrrr mich fröstelt es immer noch, wenn ich an deine schilderungen denke :)! toll hast du durchgebissen!!! ich hätte da sicher aufgegeben. danke für den bericht und.... schön, dass du die heimreise noch gut überstanden hast!

Offline Richy

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2010-11-28 Firenze Marathon - katzie
« Antwort #8 am: 26.04.2011, 20:56:41 »
Regel Eins im Marathon - Starte nicht, wo KITTY am Start steht, da hast mit dem Wetter ein Gfret.
Zum Glück hab ich den Bricht erst im schon warmen Frühjahr entdeckt - für das Wetter eine reife Leistung.
Köstlich zu lesen.