Autor Thema: 2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich  (Gelesen 162 mal)

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« am: 22.05.2011, 00:00:00 »
Datum: 2011-05-22
Event: Kopenhagen Marathon
Distanz: 42.195 km

Ersteller: Ulrich

Offline Ulrich

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #1 am: 22.05.2011, 00:00:00 »
41 ist für die Ehre oder  Zielsprint im Ganzkörperkondom


Die Reise nach Dänemark hatte ja viele Highlights: der Aufenthalt bei Heidi´s Schwester und Schwager, die Konfirmation von Heidi´s Nichte Elli verbunden mit dem Erlebnis der Feier.
Wir hatten wirklich eine sehr sehr nette Zeit in Arhus.
Nun, von Beginn: Die Air Berlin, verkörpert durch Fly Niki brachte uns mit geringer Verzögerung von Wien nach Kopenhagen. Von hier wechselten wir in die dänische Bahn, fuhren nach Arhus, der zweitgrößten Stadt in Dänemark.
Nach Sightseeing und Feiern hatte uns die Bahn wieder, diesmal mit wiederum ein wenig Verspätung, doch diesmal ohne auch nur eine Sorgenfalte zu verursachen.

Unser Hotel in Kopenhagen wurde seinem Namen (Cabinn) gerecht, die Ausstattung erinnerte in Praktikabilität und Größe an eine Kabine auf einem Segelboot. Nun, die Lage entschädigt dafür für vieles. Wenige hundert Meter vom Bahnhof und nur ca 1000m zu Start und Ziel des Marathons.
Nun, bald war der Marathonmorgen herangedämmert und wir machten uns auf zum Startgelände. Ziemlich früh, ja, zu gegeben, aber schließlich mußten wir noch unsere Startunterlagen holen. Alles verlief völlig problemlos. Die Gleichmut und Freundlichkeit der  Dänen war beeindruckend. Kein Stress, kein unfreundliches Wort. Ein kleines Detail erstaunte und gleichzeitig begeisterte uns aufgrund seiner einfachen Genialität: im Freien aufgestellte Pissoire :D (wir sind halt leicht zu erheitern ;)
Nachdem wir uns beide als Vorsatz für diesen Lauf vorgenommen hatten, ihn stressfrei als Training für die Veitsch zu laufen, hatte ich meine Polar gleich zu hause gelassen. Wir hatten also beide keine Ahnung, wie schnell wir laufen würden, zumal Heidi zwar ihre 800er mit hatte, diese jedoch nur als Uhr und nicht als Stopuhr verwendete. Ein kleines Experiment, das nur im Luxus eines Trainingsmarathons möglich war.

Also: wechseln wir wieder in die Gegenwart, der Marathon startet:
richtig gesagt, der Startschuss ertönt, es dauert geschlagene 10 Minuten bis wir über die Startlinie kommen. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar Meter von Heidi abgesetzt und freue mich, dass ich meine Schmerzen auf dem rechten Fussballen heute nicht wirklich spüre, zumindest nicht von Anbeginn.
Ist ja schon witzig, wenn man so überhaupt kein elektronisches Feedback erhält. Ach, es wird schon so irgendwie bei 5:20 liegen, bin ich überzeugt und trotte meines Weges. ca 12000 Marathonis bahnen sich ihren Weg, dennoch kann man erfreulicher Weise vom ersten Moment an laufen. Kein Ausweichen, kein Zick Zack, einfach nur locker nach vorne fallen lassen, und dabei stundenlang überholen. Ein sehr netter Lauf, der nur dennoch relativ langsam vergeht.
Nach wenigen hundert Metern stehen einige seltsame Gestalten an der Strecke, mit einem Schild „RUN BITCHES“ und feuern brav an. Sie reichen den Läufern einen Becher, doch keiner nimmt ihn. Ich mache ihnen die Freude und  nehme einen kleinen Schluck. Wird wohl ein Bier sein. Weit gefehlt: Es sollte eine Art Magenschnaps sein. Nach der nächsten Ecke spucke ich´s wieder aus, Hauptsache ich hab den Typen eine Freud gemacht :)
Ich habe keinerlei Ahnung, wie schnell ich laufe, kann mich auch nicht an den anderen orientieren, bin ich doch absichtlich weit hinten gestartet. Absichtlich, um mich dieser Orientierung zu berauben. Ach, auch egal, wird schon. Ich trinke an jeder Station, achte auf die Signale meines Ballens, die sich in überschaubaren Grenzen halten sollten und betrachte die Stadt. Einige wenige Fotos werden geschossen, als wir bei besonders sehenswerten Gebäuden vorbei ziehen. Nachdem wir recht knapp beim 4:10er Pacer gestartet sind, ich jedoch ein Tempo von ungefähr 5:20 zu laufen scheine, hole ich irgendwann einmal die Ballone 4:00 und 3:50 ein. Diese sind auch noch ca 3 bzw 7 Min vor mir gestartet, sodass ich mir schon ausrechnen kann, dass ich sicherlich weit unter 3:45 Kurs liege.
Die Stimmung ist bemerkenswert entspannt. Insbesondere jene der Läufer. Es gibt kein Gedränge, kein genervtes Wort. Die Zuschauer beklatschen uns auch, als ich mich mit meinem üblichen Theater bei ihnen bedanke, nehmen sie die Anfeuerung dankbar an und erwidern sie. Stimmung kommt auf, der Lauf macht Spaß.
Der Lauf macht wirklich Spaß, auch als der als kurzer Regenschauer prognostizierte Regen einsetzt. Erst nur ein wenig schaurig, wächst er sich zu einem ordentlichen Guss aus, der vom Wind nicht gerade angenehmer gemacht wird. Nun, ich hoffe auf Besserung und suche mir den einen oder anderen Windschatten. Vergeblich, die sind nicht in meinem Wohlfühlschweinsgallopp unterwegs. Schad, lauf ich halt wieder allein.
Bei km 20 sowie beim HM erhasche ich einen kurzen Blick auf die Uhr, scheinbar bin ich, abzüglich ca 10 Min, die ich zwischen Startschuss und Startlinie gebraucht habe, nur knapp über 1:45 unterwegs, nun, das läßt nur auf einen Rechenfehler meinerseits schließen....

Ungefähr bei KM 25 laufe ich auf einen Kollegen auf, welcher mir irgendwie laufstilmäßig ins Auge sticht. Er wirkt, als wäre der Marathon ein Ausflug, ein Trainingsmarathon. So falsch sollte ich gar nicht liegen. Scheinbar kein Däne, ich tippe erst auf Franzosen, da sein Englisch einen entsprechenden Einschlag hat. Es sollte sich herausstellen, dass er Italiener ist, so nebenbei in 8 Jahren 88 Marathons gelaufen ist und beruflich ein Kollege unseres lieben Konrad Wollis ist. Er organisiert den Turin Marathon.
Wir plaudern, philosophieren ein wenig über Marathons,  Ultras, 100er, bis ich mir ein Herz fasse, und ihm auch von unserer Schuhsammlung erzähle. Wär doch möglich, diese Idee auch nach Süden zu transportieren und einen Großmarathon dafür zu gewinnen. Mauro stimmt zu, wir vereinbaren in Kontakt zu bleiben. Kurz meint er noch bei KM 30: „only 10 more“. Ich wundere mich und bessere ihn auf 12 aus. Er meint: „No my friend: 40 is for the medal, 41 for the honor!“
 Va bene, solche Kollateralgewinne nimmt man gern in Kauf, selbst wenn ich beim Plaudern vielleicht 2-3 Minuten verloren haben sollte. Heute ist es Relaxlauf, ein Trainingsmarathon.
Irgendwann verabschiedet sich Mauro, er zollt ein wenig den vergangenen 5 oder 6 Marathons der letzten Wochen Tribut, wir verabreden, in Kontakt zu bleiben. Doch plötzlich fühlt sich mein Tempo nicht mehr so locker an, wie knapp zuvor, ich werde auch ein wenig langsamer, kann nicht mehr ganz tief durchatmen. Letztes schiebe ich auf eine leichte Verkrampfung der Brustkuskulatur, bedingt durch das vom Regen feuchte und kühle Shirt. Alles egal, ich nehme mir die Zeit, gehe kurz, möchte mich heute wirklich nicht über Gebühr anstrengen. Mir ist wichtig, dass ich nachher wieder umdrehen kann und Heidi bei ihren prognostizierten 4:15 auf den letzten KM´s entgegen kommen kann. Gehen, Laufen, es ist ein sehr netter Lauf. Die Gebäude sind es wert, sie ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, gern knipse ich ein wenig herum, auch um den Puls ingesamt unten zu halten und die Atmung nicht zu tief werde zu lassen.

Bei km 37 wird’s ein wenig zach, ich freue mich auf die Medaillen und Ehren KM. Auch 37, 38, 39 geht vorbei. Der Spruch kann was, ich freue mich und … trotte wieder im Gehschritt dahin ;)
den längsten KM, den EhrenKM von 41 bis ins Ziel will ich genießen, ich mach wieder den Kasperl während ich durch ein dichtes Spalier von Zuschauern laufe. Auf den letzten 1200 Metern sind nicht nur einige Zuschauer zu finden, nein, sie stehen in Dreierreihen und feuern ihre Helden an.
Das will ich mir auch nicht entgehen lassen, reiße meine Arme hoch, feiere mit ihnen und bedanke mich für die sehr nette Zielankunft.

Meine Zeit? Nun, Brutto sind es 3:51, mal schauen, was im Endeffekt rauskommt.
Egal, schnell einmal was essen und trinken, dann wieder auf die Strecke.
Irgendwie traue ich meiner Holden ja nie so richtig, wenn sie eine Zielzeit beim Marathon prognostiziert. Diesmal meinte sie ja ca 4:15 bis 4:30, aufgrund ihrer Probleme der letzten Tage.
Ich kenn sie ja ein wenig, besser ich beeil mich und versuche schnell auf die Strecke zu kommen.
Schnell noch den Chip runter, sonst löse ich ein 2. mal aus. Als ich mich bücke wird mir schwarz vor Augen, doch ich erfange mich wieder und suche den Blick zur Strecke.
Na Hallo!
Da ist sie ja schon.
Wieder mal unpünktlich, um zumindest 15 Min zu früh.

Unser Endspurt muß lustig ausgesehen haben, ich war in Plastikfolien eingehüllt, quasi im Ganzkörperkomdom. Jubel! Wieder ein geschaffter Marathon.

Ach ja, noch die Basics zur Strecke:
Sehr flach, einige Kurven, doch ein sehr charmanter und angenehmer Kurs. Nur das manchmal auftretende unregelmäßige Kopfsteinpflaster stört ein wenig. Jedenfalls für einen eingestreuten Sightseeingmarathon uneingeschränkt zu empfehlen.

Im Endeffekt sollte die Zeit von 3:41 rausgekommen sein, ziehe ich mein Plauderstündchen und die Foto und Esspausen ab, so bin ich recht happy. Auch 1,5 tage nach dem Lauf tut überhaupt nichts weh.
Weil 42 die Antwort ist und 130 der Sinn

Offline heitzko

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #2 am: 24.05.2011, 07:20:12 »
gell, so ein entspannter kurzurlaub belügelt wahrhaft zu so einem stressfreien marathon :D. so einen schweinsgallopp wie ihn du mein lieber ehemann hast, hätte ich übrigens auch einmal gerne :)das laufen ohne mitstoppen war jedenfalls eine super idee, die konnte nur von meinem tollen ehemann kommen :).

Offline dogrun

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #3 am: 24.05.2011, 09:54:06 »
Luxemburgisch ;) in Dänemark so relaxt zu laufen  mit solchen Zeiten,
muss ich mir merken! :)
Gratulation!
und Danke für den Bericht!
„Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine / Kürzt die öde Zeit / Und er schützt uns durch Vereine / Vor der Einsamkeit.“ (Joachim Ringelnatz)

Offline boenald

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #4 am: 24.05.2011, 10:06:57 »
ja, das klingt gut und danke für die Empfehlung! Dass du sogar während eines Marathons auf Aquise bist, ist aber neu :)
Paragraph eins: jedem sein´s.

Offline chribi

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #5 am: 24.05.2011, 10:47:24 »
danke für den bericht, klingt wirklich gut. würd mich auch reizen

Offline shiloh

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #6 am: 24.05.2011, 20:18:32 »
ihr zwei seids echt ein Wahnsinn...bravo! 1 1/2 Tage nach dem Marathon nix spüren? Wie geht denn das? Ich hab` sogar während meiner 4monatigen Laufpause das übliche Schmerzpensum gehabt...
It`s good to have an end to journey toward, but it`s the journey that matters, in the end. (Ernest Hemingway)

Offline JM

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #7 am: 24.05.2011, 20:45:40 »
Lustig wie unterschiedlich du und Heidi den Regenschauer beschreibt. Genau so unterschiedlich empfindet wohl auch immer jeder einzelnen den gesamten Marathon- Auf jeden Fall schön dass es dir getaugt hat ohne Uhr zu laufen. Gratulation zum  - wievielten- eigentlich ?
When your life flashes before your eyes, make sure you’ve got plenty to watch

Offline KITTY

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2011-05-22 Kopenhagen Marathon - Ulrich
« Antwort #8 am: 02.06.2011, 16:18:44 »
Hast ja wieder mal einen fabelhaften Marathon auf den Asphalt geknallt. Gratuliere.
lg
peter