Autor Thema: 2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich  (Gelesen 479 mal)

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« am: 26.04.2015, 00:00:00 »
Datum: 2015-04-26
Event: Madrid Marathon
Distanz: 42.195 km

Ersteller: Ulrich

Offline Ulrich

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #1 am: 26.04.2015, 00:00:00 »
Venga Venga, Animo! Oder die Up´s and Downs in Madrid


Ich kann nicht anders.. ich muss geneigte LeserInnen warnen... es könnte lang werden ;)

Begonnen hat das Abenteuer ja schon im November letzten Jahres in Nizza bei einer (nicht nur des Reimes willen) Pizza. Wir haben uns so über unsere Nizzagruppe gefreut, dass wir auch gleich der Idee viel abgewinnen konnten, heuer in Madrid zu laufen.
Monate vergingen, ich informierte mich über den Kurs, schließlich wollte ich eigentlich wieder einmal versuchen, etwas um die 3:25 zu laufen. OK, aber nachdem ich in den Jahren gelernt hatte, dass im Frühling ja doch immer wieder Wetter, Erkrankungen und andere Spaßbremser zu Tempobremsern mutieren, legte ich den Plan eines semiambitionierten Marathons irgendwann im Februar ad acta und beließ es bei der Freude einen halbwegs flotten HM beim Eisbären zu laufen.
Beruflich war ich in den letzten Wochen etwas eingespannt, sodass ich mich ohnehin nicht wirklich aufs Laufen konzentrieren konnte wollte (freilich wär´s gegangen wenn ich  alles rausgequetscht hätte, keine Frage) Dazu kamen noch ein paar kleine WehWehchen, die meinen Ehrgeiz dahingehend kanalisierten, halbwegs fit nach Madrid zu kommen. Wir konnten bei Laura (und ihrem Mann), einer Freundin aus Heidi´s Auslandsemesterzeiten nächtigen und bekamen so auch gleich das spanische Lebensgefühl, die Herzlichkeit und Gastfreundschaft zu spüren.
MarathonExpo:
Die Marathonexpo, bei der wir am Freitag recht schnell unsere Unterlagen abholten war ein Musterbeispiel für alle anderen Marathonveranstalter. Hochwertige Aussteller, eine helle große Halle, viel Platz zum herumwandern, ein tolles qualitativ sehr hochwertiges Funktionsshirt und sehr freundliche Leute von der Organisation. Für einen Spanier vielleicht normal, für einen Wiener aber eine erfreuliche Abwechslung angesichts der Zustände beim Wienmarathon. An Ausstelllern seien nur exemplarisch Sketchers und Inov8 genannt, viele anderen waren uns leider unbekannt, weil in Ö nicht vertreten, dennoch aber qualitativ hochwertig. (im Nachhinein freuten wir uns sehr, schon am Freitag dort gewesen zu sein, las Heidi doch am Samstag eine Entschuldigung der Organisation, dass die Securities ihren Job ein wenig zu ernst genommen hatten und scheinbar viele Leute nicht zur Expo gelassen hatten :D ). Unsere Gastgeber waren abends dann noch so nett, uns das Bernabéu Stadion zu zeigen. Wenngleich ich im Vergleich zu früher kein so riesengroßer Fußballfan mehr bin, war ich von dieser gigantischen Anlage und der nahezu perfekten Inszenierung des König Fußball stark beeindruckt.
Nun, der Samstag wurde zum lockeren Einstimmen genutzt, ein Versuch eines lockeren Einlaufens endet nach 5 Minuten in bodenloser Frustration, meine liebe Göttergattin hat es nicht unbedingt einfach mit mir. Schließlich scheint auch noch der Wetterbericht immer mehr Gestalt anzunehmen, nach dem der Marathon einer Dauerdusche nahekommen sollte. Dann auch noch ein relativ unerfreuliches Stechen im Knöchel, welches ich  mit Argusaugen beobachte. Dazu kommt dann noch ein genialer Traum in der Nacht, der mir die Wetterprognose drastisch vor das schlafende Auge führt: Orkanböen und Starkregen...

Nun, ganz so schlimm ist es dann in der Früh nicht, der leichte Regen hört sogar auf und wir freuen uns über den einfachen und schnellen Weg von unserem madrilenischen Zuhause zur Metro. Überhaupt sind wir mit den Öffis sehr zufrieden! Eine kleine Wanderung führt uns dann in den Parque del Retino, gleich beim Prado, wo wir unsere Kleidung abgeben und dann wieder nach ca. 10 Min Wanderung in den Startbereich kommen.
(
)
Länger schon habe ich mich entschlossen, gemeinsam mit Heidi zu starten, um dann möglicherweise beim Halbmarathon ein wenig alleine zu laufen. Nun, es sollte spannend werden.
Heidi bremst meine Erwartungshaltung auf einen mittelflotten Lauf, da sie leider etwas Seitenstechen hat, ich bleibe vorerst bei ihr und versuche, den Weg freizumachen. Ein praktisch unmögliches Verfangen angesichts all der Menschenmassen auf der Straße. Die ersten Kilometer führen uns über den paseo de la castellana in Richtung Bankenviertel, welche wie gewohnt mit protzigen Wolkenkratzern das Stadtbild ....., nun.... sagen wir beeinflusst. Leicht einsetzender Sprühregen erinnert nun an die Wetterprognose, doch empfinden wir ihn keinesfalls als störend. Vorbei am Real Stadion gehts dann bald in den Stadtteil Tetuan. Meiner Erinnerung nach geht's hier durch sehr nette Straßen, wir werden immer wieder von Zuschauern angefeuert, Sanitäter auf Inlineskates tragen DeoEisspray in Tragegurten mit sich und verteilen ihn fleißig auf die Wadln der Läufer und Innen. Ich versuche mich über die Sprachbarriere, die meine nicht vorhandenen Spanischkenntnisse darstellen mit einigen Mitläufern und einem pfeifenden Sanitäter zu unterhalten, nun für Spaß reicht es allemal. Bands an der Strecke intonieren diverse Hits ( ) , die Stimmung ist durchaus beachtlich. Ich wundere mich schon längere Zeit nicht mehr über meine Zeit, zu sehr schwankt unser Tempo zwischen 5:50 bis 6 bergauf und bis zum 5er Schnitt runter. Klar, es ist nicht grad berauschend, aber... angesichts der Tatsache, dass schnelleres Laufen eine permanente Kollision mit den Vorläufern bedeuten würde, paßt man sich halt an. Ehrlich gesagt, ich mag mir auch keinen Haxn für eine 3:40er Zeit ausreißen... weit hab ich´s gebracht, eigentlich eine unerquickliche Einstellung. Nun, ich rufe mir das Streckenprofil in Erinnerung, da fällt mir ein dass nun bald die Halbmarathonler ihren eigenen Weg beschreiten würden und wir nun die Hoffnung auf eine freiere Strecke wahrwerden sehen könnten. Wobei.. was nun kommt überrascht nun wirklich.. die Halbstreckler feuern uns an, ebenso wie auch die 42er die 21er mit begeisterten "Venga! Venga! Animo!" Rufen auf die weitere Reise schicken. SO etwas habe ich noch auf keinem Marathon erlebt. OK, es regnet weiterhin, aber... ich staune einfach nur über diese grenzgeniale Stimmung hier in Madrid.
Eine kurze Unterhaltung mit Heidi ergibt, dass wir uns nun lauftechnisch auf unser eigenes Tempo konzentrieren. Ich glaube mich zu erinnern, dass hier bald eine Streckenpassage beginnt, in welcher die Bergabpassagen dominieren. Ich verlasse mich in weiterer Folge darauf, dass ich um einiges besser als mein Umfeld bergab laufen kann und lasse mich hinunter rollen. Der Halbmarathon beim palacio real de madrid (nein nicht das Bernabéu ;) ) geht relativ unspektakulär vorbei, doch bald... bald kommt nun das Highlight. Erst noch über den paseo de camoens bzw die av. Valladolid, über den Rio Manzanares in einen wunderschönen Park. Ich schwärme nicht nur über das genial steile Bergabstück, welches den Eingang in den Park bezeichnet, mit tollem Blick auf einen beeindruckenden Brunnen, dann weiter in eine geniale Mischung aus Türkenschanzpark und Prater. Wir laufen an einem kleinen See vorbei, in welchem die Kanuten zwischen Basketballkörben im Wasser paddeln, ach ich genieße diese absurde Strecke ungemein! Klar, es regnet, ich bin schon etwas müd, das Tempo ist unterm Hund und überhaupt, aber.. ich will schließlich hier erleben! Und  das mache ich auch. Wir trotten alle gemeinsam durch den Park, beschallt mit " Johnny B. Goode" und ja, es macht einfach Spaß! Selten habe ich so eine positive Stimmung bei einem Marathon erlebt, noch nie in Österreich. Ach, ja Spaß kann ich jetzt eh brauchen, nun beginnt langsam die herausfordernde Passage, zwischen KM 31 und 39 geht es knapp 100 Höhenmeter rauf. Erst eine recht steile Straße, auf der mir kleine Bäche entgegen strömen. Noch versuche ich ja den schlimmsten Bächen auszuweichen, doch... ich ahne, lang nicht mehr. Eigentlich ohnehin komisch, ich habe keine wirklichen Probleme mit nassen Schuhen oder Socken. Vielleicht liegt das ja an den genialen Icebreaker Socken, wer weiß...
Manchmal gehe ich selten aber doch. Ich will die Stimmung in mich aufsaugen, diese wundervolle Strecke, dieses seltsame Wetter. Nein, mir ist nicht kalt, ich bin nicht wirklich hungrig, ich nehme zwar ein Gel zu mir, doch all das ist heute Nebensache. Mir macht das Laufen heut absurden Spaß. Schön so. Die Erinnerung verschwimmt zwar ein wenig, aber mir geht es ja bei meinen Berichten nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern einfach nur..... ich wollte ich könnte mitteilen, wie sehr mir diese Passage in der Nähe des Prado gefallen hat. Viele kennen die Übertragungen der Tour de Farce, wenn die Radler durch ein enges Spalier von begeisterten Fans die Alpe d´Huez erklimmen. Genau dieses Feeling boten uns die großartigen Zuschauen irgendwo zwischen KM 34 und 36. Ich kann es leider nicht mehr genau sagen, aber... nie zuvor habe ich so eine Begeisterung auf einem Marathon erlebt. Nicht nur vom Publikum selber, sondern auch unter den Läufern.
Ein jeder feuert den anderen an, selbst wenn wir auf den längeren Steigungen ins Gehen kommen, feuern wir einander an, über die Sprachen hinweg, über die Länder hinweg. Das ist Sport.
Klar, der Regen  ist nicht meins, nein, aber auch das geht vorbei. Noch wenige paar Kilometer. Ich rechne kurz meine Zielzeit hoch, eine 3er Zeit geht sich nicht mehr aus, aber das ist mir egal. Ein wenig gehe ich auf einem steilen Anstieg. Merke mir den einen oder anderen Läufer,  um mich beim Geh-Laufen zu orientieren was mich dann doch immer wieder recht schnell zum Laufen bringt. Ja, Gehen kann ich  freilich immer gerne, kein Problem, aber erst dort bei dem grauslichen SUV da vorn rechts......, so da hab ich  den Stinker jetzt neben mir...., OK, ich könnt zwar gehen, aber... da vorn ist noch ein Torbogen, da lauf ich  auch noch durch, dann aber...., ........, hey, da geht´s ja wieder unter! Nix mit gehen!!
Rauf und Runter bis zum letzten Kilometer geht´s dass es eine Freude ist. Aber... ehrlich gesagt, der Gedanke, dass dieser Lauf bald zu Ende ist, löst bei mir zwiespältige Gefühle aus. Einerseits ist klar... irgendwie bin ich schon ein wenig durchnässt, andererseits ist die Stimmung einfach so besonders genial, dass ich  sie gerne noch ein wenig auskosten möchte. Schade, dass der Lauf nun auf den letzten Kilometer geht! Eine Kurve noch, wir biegen nach rechts in Richtung des Ziels im Parque del Retino. Auch hier, gleich wenn durch den Regen etwas ausgedünnt, stehen sie immer noch begeistert an der Strecke und bejubeln uns! "Champoines" "Animo" "Venga, Venga" "Vamos". Ich packe einmal noch meine Kamera aus, filme diese Stimmung auf den letzten Metern ( ) . OK, es wird ein wenig lang, ich merke, dass mir nach über 42 KM die Arme schon ein wenig Widerstand leisten, wenn ich sie zum Filmen hochhalten will, doch... egal, die Hetz mach ich mir! Ich danke Euch für diese Stimmung! Für diesen Lauf. Ein besonderes Gustostückerl in meiner Sammlung, ein Herzensmarathon der besonderen Art!
Im Ziel angekommen werde ich  gleich mit Finishersackerl verpflegt, Getränke Obst, hier sind Profis am Werk. Vielleicht wäre auch ein gescheiter Regenschutz gut, schließlich waschelt es mordsmäßig, aber damit werden die Iberer einfach nicht gerechnet haben. Medaille gibt´s nun auch, jetzt noch Kleidersackerl holen, schnell umziehen und zurück um Heidi zu empfangen.....
Was für ein Marathon, den bin ich nicht zum letzten Mal gelaufen!

P.s.: Heute, ein paar wenige Tage nach dem Lauf kommt ein Mail aus Madrid mit der BITTE UM FEEDBACK! (unvorstellbar bei anderen Organisatoren)

Die Strecke: http://www.mapmyrun.com/routes/fullscreen/20398538/





Weil 42 die Antwort ist

Offline heitzko

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #2 am: 30.04.2015, 07:26:49 »
ich bin ja froh, dass ich dich ziehen äh laufen habe lassen damit du es so richtig im eigenen (bergab)tempo rollen lassen kannst. es war auch besonders schön, dass ich mir bei ganz vielen passagen sicher sein konnte, dass sie dir mit sicherheit auch gut gefallen haben :)!

Online Pizzipeter

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #3 am: 30.04.2015, 16:40:25 »
Super, Ulrich und danke für das Feeling :-)
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Offline Tschitschi

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #4 am: 01.05.2015, 22:39:27 »
Danke Ulrich, feine Erzählung wie erwartet! meine psychoanalytische Hälfte würde sagen: Lass doch den Regenläufer raus!
"man muss wissen bis wohin man zu weit gehen kann" jean Cocteau

Offline elisabeth

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #5 am: 02.05.2015, 20:42:07 »
Schöner Bericht!! Danke!!

In Valencia war es auch so: die Spanier feuern sich beim Laufen gegenseitig an.
Gänsehaut feeling!
Vielleicht planen wir in den nächsten Jahren wieder mal Valencia.
Würde euch sicher auch voll taugen!!

Offline shiloh

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #6 am: 03.05.2015, 13:56:43 »
muß ähnlich wie in London gewesen sein, Wetter wie Zuschauerbegeisterung. Toll, wie du ein Rennen trotz widriger Umstände genießen kannst :-)
It`s good to have an end to journey toward, but it`s the journey that matters, in the end. (Ernest Hemingway)

Offline KITTY

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2015-04-26 Madrid Marathon - Ulrich
« Antwort #7 am: 04.05.2015, 15:29:11 »
Immer wieder ein Genuss deine Berichte lesen zu dürfen. Scheint ja ein grandioser Marathon zu sein.
lg
peter