Autor Thema: 2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl  (Gelesen 1245 mal)

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2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« am: 11.12.2017, 19:30:53 »
Datum: 2017-11-19
Event: Valencia Marathon
Distanz: 42,195 km

Ersteller: cbendl

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #1 am: 11.12.2017, 19:34:19 »
So, nun ist auch mein Bericht da. Wolferls Bericht aus Florenz war lang, der von Martin war länger, aber meiner ist ein Opus Magnum. :)
Für Leute die, wie ich, im Museum beim Audio / Multimedia Guide jedes Mal beim "Wenn Sie mehr wissen wollen, drücken Sie ..." begeistert weiterdrücken.  :beifall:
Oder für die, die lange auf die Bescherung warten müssen und nicht wissen, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen.
Oder heute im Sturm auf einem Flughafen festsitzen.
Oder eingeschneit sind.
Jedenfalls: Viel Spaß. :)
hippocampus abdominalis

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #2 am: 11.12.2017, 19:35:40 »
Wieder dabei!
Die Saison 2017 begann im Herbst 2016. Nach einem seltsamen Herbst, in dem ich nur unter Schmerzen laufen konnte, ließ ich es nach dem gar nicht so schlecht gelaufenen Wachau Halbmarathon sein und gönnte mir Erholung. Ab Dezember waren die Verspannungen und Schmerzen dahin und ich konnte wieder zu laufen beginnen, hurra! Den Klosterneuburger Adventlauf und den Silvesterlauf konnte ich sogar ziemlich gut laufen, und so freute ich mich auf die Saison 2017. Die Frühjahrssaison, wohlgemerkt. In dieser war der Düsseldorf Marathon geplant, den ich schon länger im Auge gehabt hatte. Nach dem Aussetzer vom Oktober und November war mir klar, dass jetzt nicht mehr viel dazwischen kommen dürfte. Mit gutem Training bis April sollte es aber noch einigermaßen zufriedenstellend klappen. Nun, es kam anders. Am 4. Jänner, also wenige Tage nachdem sich Martin beim gemeinsamen Neujahrslauf zerstört hatte, traf es mich. Bei einem normalen Lauf, ca. zwölf Minuten nach dem Start, fuhr ein Blitz in meinen Unterschenkel ein. Ein unbekanntes Gefühl. Stehenbleiben, bewegen, durchkneten, langsam anlaufen … brachte alles keine Besserung. Es blieb nur, gehend ins Büro zurückzukehren. Mit dem Gehen verging der Schmerz ein bisschen, aber blieb doch deutlich, sodass ich mich nicht beschwerdefrei bewegen konnte, schon gar nicht Stufen abwärts. Also hieß es die nächsten Tage untersuchen, was da los wäre. Klare Ergebnisse gab es nicht, es sah weder nach einem Muskelfaserriss noch nach einer Venenentzündung aus, aber die Schmerzen waren nun mal da. Thromboseprophylaxe, Venenstärkung, Schonung und anschließend Physiotherapie waren an der Reihe. Bald spürte ich Besserung, aber nie völlige Beschwerdefreiheit. Nach Laufen war mir nicht wirklich. Die Physiotherapeutin gab mich an eine Osteopathin weiter. Wieder wurde es besser, aber nicht beschwerdefrei. Ich wollte endlich wieder laufen, im Februar, fünf Wochen nach meiner Verletzung, drehte ich auf einer Dienstreise eine kurze Runde durch Brüssel, das war auf regennassem Steinboden und zwischen Scharen von Leuten, die von der Arbeit heimgingen, alles andere als ein positives Erlebnis, und so beließ ich es am nächsten Tag bei einem Spaziergang. Die Therapie ging weiter, es wurde in mikroskopisch kleinen Schritten besser, aber nicht gut. Kälte und Dauerstress in der Arbeit machten es nicht besser. Mitte Februar kam, das Trainingslager in Spanien stand vor der Tür. Ich hoffte auf die Wärme und den Wegfall der Spannung. Ein bisschen besser ging es tatsächlich, und ich konnte einmal vier Kilometer laufen. Richtig gut waren aber auch die nicht, und so beließ ich es beim Radfahren. Von (für meine Verhältnisse) ausgiebigen Radausfahrten würde ich mehr Befriedigung und Trainingseffekt ziehen, als von kurzen, schmerzhaften Laufrunden. Beim wunderbaren Masseur Mihai war ich häufig zu Gast und nachdem ich entschieden hatte, dann eben ein Rad-Trainingslager zu absolvieren, täglich mit dem Mountainbike unterwegs. Und zwar auf den Routen, die Martin sich für seine Ultra-Trainingsläufe ausgedacht hatte! Mir reichten sie am Rad. :) Und: Meine Rad-Begeisterung ist ja bekannt, aber mit Zeit, bei Tageslicht und ohne Wiener Stadtverkehr machte es mir tatsächlich Spaß. Kraft und Technik wurden doch tatsächlich besser und wenn ich mich in die Bergdörfer, durch die Sandwege und durch die Schlammlöcher zum zweiten Mal plagte, ging es jedes Mal besser. :) Ende Februar, Anfang März, es wurde besser, aber noch nicht gut. Aber ich spürte: Bald sollte es gehen. :) Ein schönes Wochenende in Stegersbach, an dem der Frühling ausbrach und auf einmal wollten meine Beine. Plötzlich konnte ich laufen, einfach so. Es fühlte sich so gut an, auch wenn es doch noch mühsam war. Noch blieb das Laufen aber ein Wochenendvergnügen. Unter der Woche, mit der Anspannung des Tages, war laufen noch nicht möglich. Vorerst egal, ich freute mich an der Bewegung. Beim Treffen der ASICS Frontrunner am Wochenende darauf in Salzburg lief ich auch befreit drauflos – und stand auf einmal am Flughafen. :) So etwas passiert mir auch nicht oft. :) Langsam wurde es mit dem Laufen mehr, bei der ÖM im Straßenlauf über 10 km, zu der mich die Vereinskolleginnen überredet hatten, traute ich mich schon anzutreten, und absolvierte den ersten etwas schnelleren Lauf. Eine Zeit von 42 Minuten, bzw. eine, an die ich mich gar nicht genau erinnere, war nichts, was einem 10er-Wettkampf entspricht, aber für mich zu diesem Zeitpunkt positiv. Am nächsten Tag stand der Vienna City Marathon an, für den ich schon „ewig“, noch bevor ich Düsseldorf auf den Plan genommen hatte, angemeldet war. Beim VCM gar nicht dabei zu sein finde ich immer recht traurig, also startete ich, um einen Trainingslauf zu absolvieren. Es sollte kein Marathon-Finish werden, denn das wäre etwas mutwillig-brachial gewesen, sondern nur so weit laufen, wie es sich gut anfühlen würde. Das war ungefähr 25 Kilometer lang der Fall, danach begannen die Beine etwas schwer zu werden, und so stieg ich in der Liechtensteinstraße aus. Im Zielbereich am Rathausplatz war ich gleich gut gelaunt wie die erfolgreichen Finisher, ich freute mich ja, wieder laufen zu können.
Und Düsseldorf? Das war schon länger kein Thema mehr. Das Quartier konnte ich stornieren, für den Marathon angemeldet war ich noch nicht, und den Flug konnte ich, nach einer längeren Korrespondenz mit Air Berlin, auch gewissermaßen stornieren und bekam sogar eine überraschend hohe Refundierung. Ob ich es jemals in Düsseldorf an den Start schaffen werde?
So richtig toll zufrieden war ich mit meinem Zustand jedoch immer noch nicht, daher wollte ich einmal einen anderen Arzt konsultieren und marschierte in die Laufsportpraxis. Die Erkenntnis dort: Alles, was ich bisher an Therapien gemacht hatte, war schon gut und richtig, aber für das Ausmaß meines „Falles“ unzureichend. Alle Gelenke, die beweglich sein sollten: Sprunggelenk, Hüftgelenk, Brustwirbelsäule, wären steif und blockiert, wodurch das die anderen Gelenke kompensieren müssten und als Ergebnis wären eine Menge Muskeln unter Zug, den sie nicht haben sollten. Dagegen hilft nicht Osteopathie in den üblichen mehrwöchigen Abständen, sondern eine intensivere Behandlung muss ran. Tröstlicher Nachsatz: Aber mein Kiefergelenk wäre in Ordnung. Denn auch damit haben viele Leute Probleme. ;) Ich wurde gleich zum hauseigenen Physiotherapeuten weitergereicht und zwei Tage danach ging die Behandlung los. Da krachte viel, Gelenke wurden gerüttelt, Faszien ausgestrichen, alles, was gut und schmerzhaft ist. ;) Und auf einmal, am selben Tag, war das Gefühl ein völlig anderes! Mittags noch auf der Therapieliege ging es nachmittags nach Hamburg, wo ich Arne besuchte (wobei, „Besuch“ ist angesichts der Turbulenzen dieses Ausflugs etwas übertrieben). Nach der Anreise wollte ich die Beine kurz auslockern, in voller Euphorie darüber, was ich alles wieder spürte, und was nicht mehr, sauste ich zwei Mal um die Außenalster herum, es war großartig. Zwei Tage danach lief ich von der City nach Blankenese und wieder zurück. Ich konnte mich ja gar nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt 30 Kilometer gelaufen war!
Die Therapie ging weiter, und in der Woche darauf startete ich beim Bankenlauf – naja, nicht mein stärkster Tag, aber immerhin, es fühlte sich einigermaßen nach Wettkampflaufen an, und ganz schlecht war das Ergebnis auch nicht. Zum Drüberstreuen noch der Frauenlauf: Ich hatte da zwei Startplätze gewonnen, wo ich zunächst aufgrund von Lauf-Lustlosigkeit gar nicht zurückschreiben wollte, um den Gewinn anzutreten. Ich tat es dann doch, und gut war’s! Das war schon einigermaßen so, wie ein Zehner sein sollte: In der Mitte das Gefühl gleich ohnmächtig umzukippen oder zumindest sich irgendwo in die Wiese legen und ausruhen zu wollen, am Ende aber schöner Zug zur Ziellinie. Außerdem meine erste Zeit unter 40 Minuten beim Frauenlauf und die gelungene Revanche vom Bankenlauf. ;) Und schließlich Familientag, meine Mutter startete auch, so war das Läuferleben schön. :)
Als Martin 48 Stunden lang in Gols seine Runden drehte, genoss ich die Feldwege zwischen den burgenländischen Feldern. Aus Solidarität mit den Ultras, die sich in der Gluthitze plagten, ging auch ich am frühen Nachmittag laufen. Hitze war egal, Laufen war schön. Nur AM Ende der Laufeinheit musste ich mich schnell in den Schatten setzen, sonst wäre ich umgekippt, und beim Smalltalk mit Natalia am Parkplatz hart gefallen …
Es ging schön weiter, mit einem langen Wochenende in Los Angeles zu Pfingsten. Mir fällt auf, dass die meisten Trainingserinnerungen mit Reisen verbunden sind. Dass ich im Arbeitsalltag Schwierigkeiten hatte, locker drauflos zu laufen, zog sich immer wieder dahin. Außerdem waren meine Trainingsumfänge nach wie vor eher niedrig, also legte ich das Training auf die Zeiten, wann ich es angenehm unterbringen könnte, und die spätabends-werktags-Einheiten waren eher dem Ergometer gewidmet (Ergo oder Schwimmen geht auch bei Stress, aber beim Laufen zwickt’s dann überall). Laufen in Los Angeles war großartig: Früh morgens, in frischer „June Gloom“ Luft unter einem Meer von blühenden Jacaranda-Bäumen unterwegs, sparte ich mir ein paar Stunden Zeitumstellung, konnte mein Training erledigen, bevor der Rest der Familie aufstand und war pünktlich um 08:00 beim Frühstück und bereit für das Tagesprogramm. :) Am Pazifik entlang zu laufen war wunderschön (auch wenn das bekanntlich eine Steilküste ist, bei der man einige Höhenmeter macht), und weil das Laufen doch so schön war, lief ich einmal bis zur Kapelle, in der vor sechs Jahren meine „große“ Cousine geheiratet hatte, rundherum, und wieder zurück. Wieder ein Dreißiger. :)
Langsam wurde es ernster mit dem Training. Einen kleinen Aussetzer gab es Mitte Juni, als ich kurz mal krank wurde, aber nach zwei Tagen ging es wieder weiter. Ich lief in Irdning am Fuß des Grimming herum, und ich lief den ersten Lauf zum Sommerlaufcup. Auch das war nicht mein stärkster Tag, aber es war wieder ein wichtiges Element im Aufbau.
Und bald danach ging es in den Urlaub. Urlaub? Trainingslager? Survival Camp? Wer kann das schon so genau sagen … ;) Es ging nach Skandinavien, wo wir (klar, was macht man dort auch sonst?) wanderten und trailliefen. Die „Laufwanderungen“ gingen über viele Stunden, Grund war weniger die Distanz, auch nicht unbedingt die Höhenmeter, sondern vor allem die Bodenbeschaffenheit. Für ca. 35 km waren wir schon mal 13 h unterwegs – Fluss- und Sumpfquerungen, Wegbahnung über Felsblöcke und quer durch Sträucher dauerten … Es schien aber ein gutes Training gewesen zu sein, denn in der Woche unserer Rückkehr sauste ich die Kurzstrecke vom dritten Lauf des Sommerlaufcups schon viel schneller. Oder lag es an den doch beträchtlichen Kilogramm, die ich irgendwo in der Tundra und im Gebirge verbrannt haben mag?
Zu Kärnten Läuft wurde schon genug gesagt, der Lauf war, obwohl ich mich an dem Wochenende sehr unwohl, allein, verlassen und hilflos gefühlt hatte, für mich eine positive Überraschung, die mich zum Nachdenken über den Herbst brachte. Was sollte der Herbst bringen? Nur so viel stand fest: Ich wollte einen Marathon laufen. Welcher, war noch offen. In Frage kamen am 8. Oktober Bodensee (Staatsmeisterschaft) oder Zagreb, am 29. Oktober Frankfurt und / oder am 19. November Valencia (wo Martin definitiv starten würde). Das Ergebnis von Kärnten und die darauf folgenden Trainings rückten die Staatsmeisterschaft verstärkt in mein Augenmerk. Ich mochte die Strecke am Bodensee (auch wenn sie nicht leicht war), meine Form schien gut zu sein, so dass sich die weite Fahrt lohnen würde und das Starterfeld sah so aus, dass ich Medaillenchancen haben würde.
Definitiv sollte die Entscheidung aber nach dem Wachau Halbmarathon fallen, bei dem ich nochmals angreifen und eine gute Halbmarathonzeit liefern wollte.
Die Wachau war ambivalent. Einerseits fühlte ich mich (zumindest bis sehr kurz davor) gut in Form. Andererseits meldeten sich die Wehwehchen, die mich ja seit dem Frühling immer noch ein bisschen begleiteten, wieder verstärkt. Links die hintere Schienbeinkante, rechts die Wade und ein leicht blockiertes Sprunggelenk, schwere Oberschenkeln – ein Tempotraining musste ich abbrechen und die U-Bahn nach Hause nehmen. Es war der Abend, als es in Wien ohnehin arg stürmte, viel versäumt hatte ich also nicht. Dazu Müdigkeit, Ohrenschmerzen, … Es passte nicht ganz zusammen. Die drei Nächte vor der Wachau viel zu schlafen machte die Sache wieder etwas besser, also dachte ich mir, es sollte schon klappen. Die Wetterprognose für diesen Sonntag war alles andere als gut, aber wie so oft dachte ich mir, dass angekündigte Wetterkatastrophen nicht stattfinden. Und so war es auch. Leicht feucht, leicht kühl, aber alles im akzeptablen Bereich. Also ging ich die Sache mit dem üblichen Routineablauf an. Ich fühle mich ganz gut, also sollte es auch ein guter Lauf werden. Was ich gar nicht mag, vor allem nicht bei „ernsthaften“ Läufen ist Hektik am Start. Ja, ich will drei oder vier Mal aufs WC gehen, aufwärmen, dehnen, usw. Das braucht seine Zeit, also fuhr ich relativ früh nach Spitz. Martin musste ohnehin auch früh los, denn er startete in einer Staffel und musste daher nach Emmersdorf, hatte also den doppelt so weiten Anfahrtsweg wie ich. Aber was war in Spitz? Die Busse für die Kleiderabgabe waren noch nicht da. Dumm gelaufen. Da stand ich also, so wie viele andere, mit meinem Rucksack, voll mit Zeugs, den ich nicht ablegen konnte, somit kein Aufwärmen. Endlich kamen die Busse und es konnte losgehen. Dann die zweite kleiner Panne: Als ich nach dem (ersten, längeren) Aufwärmen meine Oberbekleidung ebenfalls ablegen wollte, war der Bus weg! Umgeparkt.  :o Ich fand ihn, aber die Zeit, die ich noch für das Abschlussprogramm gebraucht hätte, fehlte mir. Ob es daran lag, dass es danach nicht so lief, wie geplant, kann ich nicht sagen. Möglich ist es, denn es war ja doch kalt. Nach dem Startschuss ging es aber mal ganz gut los und ich konnte im angestrebten Bereich laufen, Kilometerzeiten von ca. 3:56. Das Laufen fühlte sich besser an als ich nach dieser doch durchwachsenen Woche befürchtet hatte, also wollte ich meinen Plan verfolgen, so lange es ging. Die Zeit von Kärnten hatte ich ja stehen, also wollte ich ein wenig Risiko nehmen. Wenn es nicht mehr funktionieren würde, konnte ich immer noch geordnet langsamer werden. Beim Halbmarathon ist es ja nicht mehr so weit ins Ziel, und mich in der Wachau ab der Hälfte zu quälen, bin ich ja ohnehin gewöhnt (wirklich gut läuft es bei mir dort kaum). Es kam aber ganz anders: Weder die linke Schienbeinkante machte mir einen Strich durch die Rechnung, noch das (zu) hohe Tempo, sondern es gab plötzlich zwei Stiche in der rechten Wade: Links hinten und rechts hinten. Ein unbekanntes Gefühl, ich wusste nicht, was es war. Ich konnte schlagartig nicht mehr so kräftig abdrücken wie davor, aber laufen war noch möglich. Die Zeiten waren ab diesem Zeitpunkt zuerst im Bereich 4:05, dann 4:10, also nicht so arg viel langsamer als davor. Langsamer zu werden war ja ohnehin immer im Bereich des Möglichen gelegen, also störte es mich nicht allzu sehr. Nach 2,5 km aber ging auch das nicht mehr, und ich machte bei einer Labe eine kurze Nachdenkpause. Mit Schmerzen weiterzulaufen wäre zwar möglich, aber würde sicher keine Zeit bringen, die besser war als mein Ergebnis aus Kärnten, und die weitere Saison gefährden. Auf direktem Weg nach Krems, ohne die Schleife nach Dürnstein und die Runde in Krems, zu laufen könnte möglich sein. So würde ich in absehbarer Zeit auch im Ziel sein. Aber nach dem Stopp schmerzte auch langsames Traben, also ließ ich es sein, ging und nahm ab Dürnstein die Bahn nach Krems.
Was da genau geschehen war, wusste ich nicht. Ich dachte an Muskelfaserrisse, aber diese kannte ich aus Erzählungen als viel massivere „Schnalzer“, nach denen Laufen gar nicht mehr möglich war. So war es bei mir ja nicht, Laufen ging ja ein bisschen, und Gehen sogar fast problemlos. Zur Betriebsärztin ging ich (allerdings eher nur, um allen, die mich drängten: „GEH ZUM ARZT!!!!“ sagen zu können: „Ich war ja eh …“, diese Untersuchung ergab ein aussagekräftiges „Alles soweit in Ordnung, ist halt Überlastung.“ Naja … Die Woche setzte ich das Laufen aus, am Freitag startete ich einen Versuch. Zweieinhalb Kilometer gingen gut, danach kam das Gefühl „halt den Lauf lieber kurz“ und ich kehrte auf dem kürzesten Weg ins Büro zurück. Sorgen machte ich mir jedoch keine – „braucht halt noch ein bissl“. Sonntag Früh auf einmal wieder eine Offenbarung: Es geht! Das Bein fühlt sich gut an! Also ging’s nach Jedenspeigen zum Rote Nasen Lauf, wo ich Gehen, Traben, Laufen – was auch immer möglich wäre – wollte. Nach einem sehr verhaltenen Beginn kam ich immer mehr ins Laufen und absolvierte 33 km. „Geht ja wieder!“, dachte ich. Den Nennschluss für die Marathon Staatsmeisterschaft am Montag ließ ich trotzdem verstreichen. Nach einem anständigen Marathon fühlte es sich nicht an – und sollte doch die spontane Wunderheilung kommen, na dann zahl ich halt die Nachnenngebühr … Am Mittwoch ging ich laufen, diesmal eine Stunde, auch das war gut, nur die letzten paar 100 Meter ins Büro zurück hatte ich etwas Schmerzen. „Die letzten paar 100 Meter vor dem Büro hab‘ ich immer Schmerzen!“ meinte ein Kollege dazu. ;D Und auch am Wochenende, Thermenwochenende zu Martins Geburtstag, wollte ich laufen. Eine Stunde ging es gut, dann machte die Muskulatur wieder zu und stach. Nach einer längeren Gehpause entspannte es sich, das letzte Stück konnte ich wieder laufen. Am nächsten Tag fühlten sich die Beine jedoch wieder nicht nach Laufen an.
Gut, dass gleich danach ohnehin ein Arzttermin anstand – bei dem ich eigentlich das erfolgreiche Ende der langen Behandlungen seit Mai vermelden wollte. Dort die Erkenntnis: „Das ist ein Muskelfaserriss! Weißt du das nicht? Da muss man vier Wochen das Laufen aussetzen!“ Nein, wusste ich nicht. Jetzt weiß ich es.
„Aber jetzt ist eh Saisonende, jetzt ist es ja nicht so schlimm.“ „Äh, nein, nicht ganz, ich wollt eigentlich in Valencia …“ „Wann ist denn Valencia? Am 19. November? Also, dann kannst du es so machen: Vier Wochen kein Laufen! Schwimmen mit Pull Buoy! Ergo nur ganz leicht! Dann probierst du mal kurz laufen, wenn das geht, probierst du es noch einmal. Und wenn das auch geht, dann trainier‘ noch zwei Wochen ordentlich. Tapering brauchst eh nicht so viel, das hast du jetzt ja. Und trainiert hast du ja auch schon einiges. So sollte es gehen.“
Das war jetzt nicht ganz das, was ich erwartet hatte, aber gut. Es war die einzige Chance.
hippocampus abdominalis

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #3 am: 11.12.2017, 19:36:55 »
[Exkurs: Man könnte sich fragen, wieso die einzige? Weil ich schon so oft auf einen Marathon hintrainiert hatte und seit vier Jahren immer etwas passiert war. Gröbere Verletzungen, kleinere Wehwehchen (die genauso schmerzhaft waren). Jetzt hatte ich so ziemlich alles getan, was möglich war. Die Knochendichte war endlich wieder in Ordnung, an den Verspannungen hatte ich mit unendlich vielen Therapiestunden und eigenen Übungen zu Hause gearbeitet, das Training von März an langsam aufgebaut (ja, langsam, auch wenn hier manches – aus künstlerischen Gründen ;) – leicht überzeichnet dargestellt wurde). Ich wusste nicht, was ich noch anders und besser machen sollte, und wollte nicht  noch einmal auf „die nächste Saison“ warten. Worauf? Auf die nächste Verletzung? Kommt die nächste Saison? Wer weiß … So nah wie jetzt war ich schon seit vier Jahren (Graz 2013 war der letzte Marathon, für den ich trainiert hatte und einigermaßen fit gestartet war) nicht an einem Marathon gewesen, diese Herbstsaison sollte entscheiden, ob das Laufen eine Zukunft haben würde oder nicht. Wenn es nicht sein sollte, dann sollte es eben nicht sein.]
Und so folgte ich diesem Plan. Die ersten zwei Wochen tatsächlich streng Schwimmen nur mit Pull Buoy (dabei wird einem ganz schön kalt) und Ergo mit den geringstmöglichen Watt. Auch Gehen nur eingeschränkt. Nach zwei Wochen, nach denen ich schon komplett schmerzfrei war, steigerte ich. Schwimmen auch teilweise ohne Pull Buoy, Watt am Ergo vorsichtig mehr und die Gehrunden wurden etwas länger.
Nach genau vier Wochen nach meiner letzten Laufeinheit, drei Wochen vor dem Marathon war es soweit. Die erste Testrunde stand an – und die klappte bestens. Nur, wie es mir oft beim ersten Lauf nach einer Pause geschieht, zu schnell, aber das fehlende Tempogefühl würde hoffentlich zurückkommen.
Dann die finalen drei Wochen. Das Training funktionierte, es musste ja auch funktionieren. Auf Wetter konnte ich keine Rücksicht nehmen, eine ausgefallene Trainingseinheit wäre jetzt nicht gut. Daher war ich auch in dem Sturm, der große Schäden in Wien anrichtete unterwegs. Mir passierte zum Glück nichts. In den letzten drei Wochen gab es den Rhythmus ein Mal pro Woche Physiotherapie, ein Mal pro Woche Massage und dazwischen so hochwertiges Training wie möglich, um mich wieder zu aktivieren. Das klappte ganz gut, auf die letzte Woche mit Tapering freute ich mich trotzdem, denn dieses Blitztraining forderte ein bisschen Tribut in Form von brennenden Schienbeinkanten. Diese lassen sich zum Glück recht gut tapen und so … war es dann bald soweit:
Marathonwochenende
Am Freitag, 17. November ging es nach Valencia! Also zunächst ging es nach Madrid, wo nach dem Lauf noch Urlaub folgen sollte, und mit dem Auto nach Valencia. Ich fühlte mich einerseits fit, andererseits aber auch unsicher. Den Marathon zu schaffen war ich mir ziemlich sicher, aber wie war die Frage. Das Motto, das mir mein Trainer mitgegeben hatte, lautete: Ich soll meine Beine laufen lassen, die werden wissen was zu tun ist. Das war ein gutes Motto, das ich versuchte zu verinnerlichen. Immer wieder hatte ich schon zu Zeitpunkten, an denen ich mir über meine Form recht unklar war, instinktiv das richtige Tempo getroffen – sei dieses nun schnell oder langsam. Und dann gab es das Ziel des Boston Limits für den Boston Marathon 2019. Dieses hatte sich eigentlich aus Martins Ambitionen heraus entwickelt. Sein ursprüngliches Ziel, Sub3, hielt er nicht mehr für realistisch. Was gibt es aber für einen Läufer in der Nähe der 3-Stunden-Marke an attraktiven Alternativzielen? Neue PB natürlich. Und irgendwie fiel mir auf einmal wieder der Boston Marathon, der sich seit Helges begeisterndem Bericht aus 2012 in unseren Köpfen festgesetzt hatte, ein. Also genau genommen mehr in meinem, denn Martin hatte es schon wieder längst vergessen, wie sehr er damals nach Boston wollte. ;) Das Limit für Martin lag, so dachte ich, bei 3:05, und da es sich bei diesem Limit um Mindestleistungen handelt, die man tunlichst ein wenig unterbieten sollte, schien das eigentlich ein passendes Ziel: „Wenn du so 3:02 läufst, können wir nach Boston!“ Irgendwie (keine Ahnung wie ;) ) hörte auch Helge von der Idee, und als großer Freund der klassischen Marathons war er begeistert und übte als „Respektsperson“ gewissen zarten Druck aus. Schnell recherchierte er: Auch er hätte mit seinem München Marathon im richtigen Zeitraum eine Zeit für die Qualifikation für Boston 2019 erbracht. Da hätte er doch glatt wieder Lust auf Boston … Und auch Julia hatte in Berlin vermutlich ihr Ticket für Boston gelöst. Eine runde Sache also. :) Nur – was würde es nützen, wenn Martin das Limit erbringt, aber ich nicht? Meine Vorgabe war mit 3:45 durchaus schaffbar, aber wenn ich aus Ärger und Frust, langsamer zu sein als erwartet nicht mehr weiterlaufen würde, oder nach einem zu übermotivierten Start völlig eingehen würde, könnte auch dieses Ziel in unerreichbare Ferne rücken. Also trotz allem alles andere als eine „g’mahde Wies‘n“. So lautete das Motto für uns beide die Boston Qualifikation. Achja, und was Martins Limit betraf: Die 3:05 wären richtig gewesen – vor ein paar Jährchen. Die gelten nämlich für 18 bis 34jährige. ;) Allerdings: Damals mit 34 hat er das nur recht knapp unterboten … :) Trotzdem galt die Devise, und Martin orientierte sich außerdem an Richys Bestzeit von 3:02:49.
In Valencia angekommen, erledigte ich erstmal gleich die Startnummernabholung im 1. Stock des Museu de les Ciències Príncipe Felipe in der Ciutat de les Arts i les Ciències. Obwohl nicht viele Mitarbeiter Englisch sprachen, war diese trotzdem gut organisiert und völlig problemlos. Martins Startnummer holte ich auch ab, allerdings war dies nur mit einer Vollmacht möglich. Zum Glück genügte die handschriftliche Version auf der Rückseite der Startnummernunterlagen und es musste nicht das dafür vorgesehene Formular sein. Dann noch meine Passnummer notieren und eine Unterschrift von mir, und die Sache war geschafft. Die Einmalchips an der Startnummer (zum Glück nur ein dünner, aufgeklebter Streifen) wurden beim Ausgang der Startnummernabholung kontrolliert. Die Chips funktionierten – sehr gut. Im Erdgeschoß des Museums gab es dick gefüllte Goodiebags – unter anderem mit Teilnehmershirts (interessanterweise ärmellos für Damen und kurzärmlig für Herren – mein Eindruck ist ja, dass es eigentlich umgekehrt mehr getragen wird), Eisspray, Riegel, Shampoo und Ähnliches, diverse Nahrungsergänzungsmittel („von führenden spanischen Sportärzten entwickelt“ ;) ;D ), Quinoa, usw. Messestände gab es auch – das übliche: Laufschuhe, Gels, andere Marathons – die Messe war aber nicht sonderlich aufregend. Danach war noch Zeit für einen Lauf. Warm war es ja, und die Sonne ging auch deutlich später unter als in Wien.
Freitag und Samstag waren in Valencia nämlich kurze Läufe am Plan. Freitag nur 20 Minuten, Samstag 30, beides locker. Gerade an diesen beiden Tagen war ich aber irgendwie angespannt und lief eher unter dem Motto „Bring’s hinter dich!“ Entsprechend (zu) schnell war ich eigentlich, und die Waden zogen und brannten wie nach einem harten Training. Keine guten Vorzeichen … Was war los? Warum laufe ich so unsinnig 4:34, statt gemütlich zu traben? Samstag der Lauf mit ein paar kurzen Beschleunigungen, die auch mehr gehetzt als spielerisch waren. Bei der Erkundung des Hotel hatte ich schon am Freitag immerhin den kleinen Pool auf dem Dach entdeckt. Richtig kalt, offiziell auch gesperrt, aber mit Wasser gefüllt. Gerade das richtige für meine brennenden Waden, die sich anfühlten, als würden sie zerspringen. Die Abkühlung – bis die Beine vor Kälte schmerzten – tat gut. Mit richtig ausführlichem Dehnen und Mobilisieren danach fühlte ich mich schon deutlich besser. Mit Tapes für die Schienbeinkanten, Waden, Füße und Hüftbeuger („nur“ die ersten drei gegen Schmerzen – letztere gegen allgemein schwere Beine) war meine Vorbereitung abgeschlossen.
Am Sonntag Morgen hieß es um 05:45 aufstehen. Normalerweise bei meinem chronischen Schlafmangel ein Horror, aber dank frühem Schlafengehen Freitag und Samstag ergänzt um einen ordentlichen Mittagsschlaf am Samstag glücklicherweise diesmal kein Problem. Gleich rein ins Laufgewand und ab zum Frühstück. Es gab das übliche Marathonfrühstück: Schwarzen Tee, Weißgebäck mit Honig und viel Wasser. Unser Hotel war – lagebedingt wenig überraschend – fest in Läuferhand, so war schon von Haus aus am Sonntag ein „Früh-Frühstück“ vorgesehen. Um 07:00 nach dem Frühstück war es immer noch stockfinster. Um 07:35 begannen Martin und ich gemeinsam das Aufwärmen – im Gegensatz zu den vergangenen beiden Tagen fühlten sich meine Beine deutlich besser an. Ich war wirklich unglaublich froh, denn Freitag oder Samstag hätte ich mir keinen längeren Lauf vorstellen können. Nach den ersten 1,5 km kehrten wir ins Hotel zurück, um zum 8., 9., 10. Mal aufs WC zu gehen ;) und das Obergewand abzulegen. Wir hatten entschieden, keine Kleidung bei Start / Ziel abzugeben, denn um von der Ziellinie zur Kleiderabgabe bei L’Umbracle zu kommen, wäre der Weg ungefähr genauso weit wie direkt ins Hotel. Also liefen wir kurz / kurz, mit Regenponchos von irgendwelchen anderen Laufveranstaltungen zum Start. In der Ciutat wurlte es schon ziemlich, über die Pont L'Assut d'Or kamen wir aber recht frei und zügig in die unmittelbare Startnähe. Entlang des Umbracle war aber endgültig nur mehr langsames Gehen in der Menschenmenge möglich. Martin versuchte da immer noch zu laufen, traben, tänzeln, trippeln … dabei hatten wir noch jede Menge Zeit, nur mehr wenige 100e Meter bis zum Start und waren meiner Meinung nach mit 2,5 km genug gelaufen, um aufgewärmt zu sein. Das nervöse Rennpferd ließ sich dann doch irgendwie bremsen und glaubte mir auch, dass ich den Weg zum Startblock von meinem ersten Start in Valencia schon wüsste, dass außerdem die vielen anderen Menschen vermutlich den gleichen Weg hätten wie wir und der Startblock sich wahrscheinlich auch immer noch dort befinden würde, wo wir ihn am Vortag bei der Startgeländebesichtigung entdeckt hatten.
Zugeteilt waren wir beide dem dritten, blauen, Startblock. Ich war über die Startblockeinteilung schwer beeindruckt: Der erste, gelbe, Block war für Männer bis 2:25 und Frauen bis 2:48. Der zweite, grüne, für alle bis 2:50 und der dritte dann von 2:50 bis 3:00. Zum Zeitpunkt meiner Anmeldung hatte ich ja noch ganz andere Zeitambitionen gehabt … :( Kontrolliert wurde genau – ohne „blu“ auf der Brust ging da gar nix – aber trotzdem zügig. Sehr bald waren wir im Startblock und konnten der Dinge harren. Martin und ich trennten uns – jeder fand sich sein eigenes Fleckchen um auf den Start zu warten. Um mich herum waren vor allem Spanier, ein paar Portugiesen und Italiener entdeckte ich auch. Auf den Startnummern waren nämlich nicht nur (groß lesbar) die Vornamen aufgedruckt sondern auch die Nationalität mit kleinen Flaggen. Der Start verzögerte sich ein wenig, nur eine oder zwei Minuten, aber es fiel, angesichts der sonst wirklich perfekten Organisation, doch auf. Nach dem etwas kümmerlichen Startschuss – nur ein leises „Plopp“ – setzte sich die Masse in Bewegung, wie meist üblich, erst nur langsam. Wie lange ich brauchte, um zur Startlinie zu gelangen, konnte ich nicht sagen. Dies sollte später noch für etwas Verunsicherung sorgen. Ab der Startlinie begann das Feld zu laufen, aber erst nur recht langsam. Dass der Start sehr eng war und die Masse nur langsam in Schwung kommen würde, war mir schon von der Marathonübertragung von 2016, die auch ich mir angesehen hatte, bekannt. Es war etwas unangenehm – das Tempo fühlte sich zu langsam an, zick-zack laufen wollte ich aber auch nicht. Zu kraftraubend würde das sein. Also versuchte ich so gut es ging voranzukommen, ohne es zu erzwingen. Der Rest um mich herum schien sich das gleiche zu denken, so kamen wir doch alle einigermaßen voran, bis plötzlich, nur gut 100 Meter nach dem Start, ein Läufer in einem mächtigen Satz von rechts weit nach links sprang und dabei einer ganzen Menge anderer Teilnehmer den Weg abschnitt und sie rempelte. Er wurde darauf von meinem Umfeld gleich wüst beschimpft. Solidarisch schickte auch ich ihm ein „Trottl!“ hinterher. :) Nach der ersten scharfen Rechtskurve wurde der Weg aber gleich etwas breiter, und es lief sich gut. Der erste Kilometer war in 4:26 erledigt – das freute mich nicht besonders. Mein Plan war doch, in ca. 4:15~16 anzulaufen, um zu testen, wie sich die für Sub 3 erforderliche Pace anfühlen würde. Meine Uhr hatte für den ersten Kilometer auch genau diese Pace angezeigt – die 4:26 irritierten mich daher. War es ein GPS Fehler? Waren es die Umwege, die ich am 1. Kilometer gelaufen war? Stand das Schild falsch? Ein bisschen von allem? Ich ließ mich aber nicht länger beirren sondern lief normal weiter. Was auch immer am 1. Kilometer passiert, ich sollte es nicht überwerten. Wenn ich gut drauf wäre, würden sich die 11 Sekunden schon reinholen lassen, und wenn ich Sub 3 ohnehin nicht drauf hätte, dann war es zumindest kein zu schneller Beginn. Die nächsten Kilometer waren, ganz leicht bergab, mit 4:09 – 4:12 – 4:12 schon deutlich schneller, und ich musste mich aufs Bremsen konzentrieren. 2:59:59 waren heute das bestmöglich vorstellbare Ergebnis, alles schnellere wäre zu schnell. Es funktionierte, ein paar Sekunden rauszunehmen, und ich kam ins Rollen. Die Strecke war gut – ausreichend Platz, aber ich war auch nie einsam. Für Unterhaltung an der Strecke war auch gesorgt, immer wieder gab es Musik. „Thunderstruck!“ tönte es aus dem Lautsprecher – so lief es sich gut. Aber leider nicht für lange. Schon nach sechs oder sieben Kilometern begannen die Beine ein bisschen schwer zu werden. Nicht viel, aber doch viel zu viel für diese frühe Phase. Zusätzlich meldete sich mein Bauch. Somit war klar: Das wird heute nicht mein Tag. Egal, so lange es irgendwie geht, soll ich weiterlaufen, denn ich will ja das Boston Limit bringen. Da ich eigentlich keine andere Wahl hatte, und es bei meinem Lauf auf ein paar Sekunden, oder auch Minuten, mehr nicht ankommen würde, entschloss ich mich also zu einem „Boxenstopp“. Während diesem überholte mich Martin, ich sah ihn, wieder auf der Strecke zurück, ein Stück vor mir. Da es, „erleichtert“, wieder besser lief, holte ich ihn relativ bald ein und wir liefen ein Stück gemeinsam. Nach ca. 1,5 km fühlte ich mich aber wieder schwächer und verabschiedete mich. „Gepflegt zurückfallen lassen“ wollte ich mich. Es war schon etwas enttäuschend, dass meine Erwartungen so klar nicht erfüllt werden würden. Weit weg von der erhofften Zeit in der Gegend von 3 Stunden. Mühelos und locker war es auch bei weitem nicht. Es ging zwar dahin, die Kilometersplits im Bereich von + / – 4:30 waren durchaus nicht katastrophal, aber die Freude am Laufen war fort. Zum Glück erinnerte ich mich an mein Ziel. Finishen, unter 3:45 – das muss heute das Mindestziel sein! Also ging es weiter, ich konzentrierte mich auf gleichmäßiges Dahinrollen und beobachtete die Umgebung. Ich sah zum Beispiel eine Athletin, die ich überholte. Sie trug Wettkampfkleidung, d.h. „Bikini“-Hose und Top – und dazu ein Bauchtäschchen, aus dem sie gerade ihr Handy zog und es ihrem Begleiter reichte. Diese Kombination fand ich irgendwie erheiternd. Wenn ich mich in diese „Einserpanier“ begebe, dann habe ich vor zu laufen so schnell ich kann, und sicher kein Handy dabei. Ich sah auffällig viele belgische Flaggen an der Strecke und fragte mich, ob wirklich so viele Belgier hier waren, oder ob es sich um eine ebenso aussehende Flagge einer spanischen Provinz handelte. Da sich die Fangruppen leider nicht durch moules et frites, Bier oder Konfekt zu erkennen gaben, blieb die Frage leider unbeantwortet. Auch die Labestation musterte ich. Sie waren ausgezeichnet organisiert. Sehr lang, im ersten Abschnitt die Tische für die Eigenverpflegung – sehr großzügig dimensioniert. Danach kam Wasser, Iso, ab km 25 auch Bananen und getrocknete Marillen, später nochmals Wasser und Iso. Wasser auch wahlweise in Flaschen oder Bechern, gereicht oder zum selbst nehmen – da sollte es keine Probleme geben. Dahinter immer Müllcontainer, in die man, nach Möglichkeit, seine leeren Flaschen werfen sollte. Der Aufbau und die Bestückung der Labestationen war im Programmheft (das allerdings sehr umfangreich war, komplett durchlesen wäre, naja, ungefähr so, wie diesen Bericht zu lesen ;) ) genau beschrieben, man konnte sich also gut auf das Angebot einstellen. Was für manche eventuell zur perfekten Versorgung fehlen würde, war Cola (und das interessanterweise, obwohl Coca-Cola Sponsor des Marathons war): Aus diesem Grund steckte ich ein Gel mit Koffein ein. Mein Versorgungsplan war, zwei Gels einzustecken, diese bei km 15 und 25 zu nehmen und bei km 20 und / oder km 30 Gels von der Verpflegung zu schnappen um noch ein weiteres für km 35 zu haben. Die angebotenen Gels waren Enervit Orange, das ich schon aus der Vergangenheit kannte und gut vertrug. Aber noch war ich nicht soweit.
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Offline cbendl

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #4 am: 11.12.2017, 19:37:18 »
Das erste Gel nahm ich planmäßig ein Stückchen vor km 15 und konnte so gut nachtrinken (auch wenn ich das gar nicht unbedingt benötige). Es ging ganz gut dahin, aber bald meldete sich mein Bauch schon wieder. Muss das sein? Egal, nimm dir die Pause, danach wird es wieder besser gehen, und ärgere dich nicht. Kurz nach dem 10-Meilen-Schild (die 16 km hatte ich übersehen) musste ich dann wirklich raus. Leider keine Dixis in der Nähe musste ich einen Park ansteuern. Einen kleinen Hund, der vermutlich den gleichen Plan hatte, verscheuchte ich dabei anscheinend, er ergriff verschreckt die Flucht. Die Stimmung an der Strecke war in diesem Bereich, nachdem es davor durch etwas ruhigere Gegenden gegangen war, wieder gut. Zuschauer feuerten an, die Liveband war auch an der Strecke. „Thunderstruck!“ Ich fand es unterhaltsam, wie mich das begleitete. Jedenfalls besser als Helene Fischer, die StefanM einmal durch Düsseldorf verfolgt hatte. ;) Irgendwo in einer Kurve gab es wieder Live-Unterhaltung: Eine Cheerleader-Gruppe, mit Röckchen, Zöpfchen und Schleifchen hopste herum – alles Damen um die schätzungsweise 70 Jahre. :) Die Gruppe gefiel mir und mit einem Lächeln ging es für die nächsten Kilometer gleich besser weiter. Bei km 20, besser gesagt etwas davor, gab es die angekündigten Gels. Ausreichend Zeit, die Gels zu nehmen und dann bei der Labestation bei km 20 nachzutrinken. Auch da hatten die Veranstalter an die Bedürfnisse der Läufer gedacht. Ich steckte mir das Gel allerdings ein, es war erst für ca. km 25 vorgesehen. Beim Halbmarathon ging ich (lt. offiziellem Ergebnis) in 1:34:57 (ich selbst hatte so ca. 1:34:30) durch – für mein Ziel, das ich mir unterwegs zurechtgelegt hatte, unter 3:15 zu bleiben, sah es recht gut aus. Für das jetzt aktuelle Wunschziel, unter 3:10, müsste ich die zweite Hälfte gleich schnell laufen wie die erste – das schien mir ziemlich wahrscheinlich außer Reichweite. Nach der Enttäuschung im ersten Viertel, dass es doch ein eher langsamer Lauf werden würde, konnte ich inzwischen mit dem Ziel 3:10 bis 3:15 ganz gut leben und versuchte, in diesem Bereich eben einen möglichst guten Lauf zu schaffen. Nach dem Halbmarathon wurde ich war wieder etwas langsamer, die Zeiten waren zwischen 4:36 und 4:47, aber es störte mich nicht mehr. Ich realisierte es nicht einmal wirklich. Bei jeder Zwischenzeit schaute ich nur mehr, ob es noch unter 4:50 wäre – wenn ja, dann war es OK und ich kümmerte mich nicht weiter um die Zeit. Das Ziel war nicht komplett einzugehen, anzukommen, die Boston Qualifikation zu sichern und das Beste daraus zu machen. Mein Bauch war weiterhin unruhig, ich bekam auch auf Wasser (das recht kalt war, was nicht nicht gut vertrage) leichte Bauchkrämpfe, aber es war auszuhalten. Irgendwie ging es ja doch weiter. Bald drehte sich die Strecke zum Passeig de l’Albereda zurück, entlang des trockengelegten Betts des Riu Túria und der Ciutat de les Arts i les Ciències, wo schon der erste Streckenkilometer verlaufen war. Dort, im Herzen des Marathons (Startnummernabholung, Messe, Start und Ziel waren alle dort) war die Stimmung gigantisch. Hier, bei km 25, war ich mir sicher, dass ich den Marathon schaffen würde, und auch einigermaßen akzeptabel schaffen würde. Trotz der Massen ließ es sich auch hier gut laufen. Zwar standen die Zuschauer teilweise bereits auf der goldenen Linie, aber die Strecke war breit genug, dass dies nicht störte, und es gab, auch ohne Ordner, kein weiteres Vordrängen der Zuseher, sondern sie blieben alle dort stehen, wo sie waren, und nahmen auf die Läufer Rücksicht. Nur ein einziges Mal gab es eine unangenehme Situation mit einer Zuschauerin. Gerade als ich kurz vor km 25 mein zweites Gel zu mir nahm und mehr darauf konzentriert war, dieses zu öffnen, querte urplötzlich eine ältere Frau die Strecke. Ein Streckenposten versuchte zwar, sie zurückzuhalten, aber trotz Stock war sie doch irgendwie schnell unterwegs, und auf einmal war sie unmittelbar schräg vor mir. Zum Bremsen oder Ausweichen reichte die Zeit (oder Energie) bei mir auch nicht mehr, ich konnte gerade den linken Arm austrecken und sie halbwegs vorsichtig von mir abhalten und wegschieben, um nicht gänzlich in sie hineinzukrachen. Der Zwischenfall ging glimpflich aus, sie blieb auf den Beinen, ich ebenfalls, also nicht weiter schlimm. Davon abgesehen war die Rücksichtnahme aber vorbildlich.
Kurz nach km 27 ging es ein zweites Mal (nach dem ersten Mal gleich beim Start) über den Riu Túria in Valencias Altstadt. Die Brücke war ganz flach und nicht störend. Auch in der Altstadt war tolle Stimmung. Im engen Gassengewirr war der Wind, der im offeneren Bereich immer wieder leicht spürbar war, komplett abgeschirmt und es war gut zu laufen. Der Asphalt war in diesem Bereich etwas schlechter, aber immer noch, auch mit müden Beinen gut zu laufen. Auch die Straßenbahngleise störten nicht. Bei km 30~31 verließ die Strecke die Altstadt und es wurde wieder ein wenig ruhiger. Trotzdem gab es auch hier regelmäßig namentliche Anfeuerungen und einmal hörte ich ein Kind recht verwundert ausrufen „Austria?!?“ Und nie war ich allein unterwegs. Obwohl schon im letzten Drittel des Marathons gab es immer ein echtes Feld rundherum. Ich musste an das Jahr 2008 denken, als ich mit 3:11:01 meinen schnellsten Wien Marathon gelaufen war: Damals war ich wirklich sehr allein unterwegs. Ein ganz anderes Erlebnis hier. Regelmäßig standen außerdem Helfer mit Eisspray in der einen und Vaseline in der anderen Hand an der Strecke. Ich brauchte diese Hilfe nicht, aber es war gut, sie zu sehen. In dieser Phase erinnerte ich mich an einzelne Stellen von meinem Lauf 2013, als ich mit einem (noch nicht offiziell bestätigten, aber von mir zu diesem Zeitpunkt schon vermuteten) Ermüdungsbruch mit deutlichen Schmerzen unterwegs war, und es trotzdem ins Ziel geschafft hatte. Diesmal war es ganz anders. Zwar nicht toll unterwegs, aber doch noch einigermaßen, war ich mir sicher, es brauchbar und gesund ins Ziel zu schaffen. Ab km 26 schon waren meine Kilometerzeiten wieder alle unter 4:40, was ich beim Lauf aber, so wie die davor langsameren Splits, gar nicht genau realisierte. Einzelne Ausreißer nach unten gab es auch – das waren wohl plötzliche Energieanfälle, denn anhaltend schneller wurde ich (noch) nicht. Es ging bei km 32 kurz wieder auf die Nordseite des Riu Túria und auf km 35 wieder zurück. Genaue Orientierung hatte ich zwar keine (mehr), aber ich konnte mich erinnern, dass das Ziel wirklich nicht mehr weit war, selbst wenn man eigentlich nicht mehr laufen kann. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich auch wieder schneller. Die Kilometerzeiten bewegten sich wieder in Richtung 4:30 und ab km 38 auch darunter. Zu diesem Zeitpunkt begann ich doch recht viele andere zu überholen. Ich wusste gar nicht, ob ich schneller wurde, oder nur mein Tempo hielt, so genau konnte ich die Zeiten nicht mehr sehen und geistig verarbeiten, aber mir war klar, dass das gerade nicht ganz schlecht war. Auch auf den letzten Kilometern hatten sich wieder sehr viele Zuschauer versammelt, die Stimmung war also großartig. Musik gab es auch wieder. „Thunderstruck!“ Das war ja wirklich schon lustig. Und sehr gastfreundlich, auf meinen Geschmack Rücksicht zu nehmen. :) Durch die Zuschauermassen war es hier doch schon recht eng. Nach meiner Wahrnehmung waren wir auf einer Art Nebenfahrbahn oder Radweg unterwegs – Martin klärte mich im Nachhinein auf, dass das eigentlich eine drei- oder vierspurige Straße war, die aber durch das Zuschauerspalier verengt wurde (meine Wahrnehmung war schon auf die wenigen Meter unmittelbar vor meinen Füßen beschränkt). Es war also leichtes Zickzack-Laufen angesagt. Links von mir einmal ein Läufer, der Hilfe der Sanitäter brauchte, rechts von mir Läufer, die schon deutlich langsamer waren. Sich da unfallfrei durchzuschlängeln war nicht ganz einfach. Km 40 übersah ich wieder einmal, aber ein kurzer Blick nach oben ließ mich die große „Harfe“ der Pont de l'Assut de l'Or erspähen. Dort ist das Ziel! Schon in Reichweite! Gut, dass zu diesem Zeitpunkt die Orientierung wieder da war. :) 4:22 für km 41 – es ging (gemessen am Herumgestolper davor) dahin. :) Leicht war es aber nicht mehr. Mir kamen Sorgen, dass ich meine Endbeschleunigung (unbewusst) zu früh begonnen hätte. Würde es reichen? Würde ich heil ins Ziel kommen und den Schwung beibehalten können? Ca. 900 Meter vor dem Ziel bog die Strecke in die Ciutat ein. Es ging auf kleinen Pflastersteinen leicht bergab – das Gefälle meiner Meinung nach gut zu laufen, und die Pflastersteine sehr glatt und eben verlegt, so dass auch diese (mich) nicht störten, zumindest nicht für die kurze Strecke. Die letzten 900 Meter waren alle 100 Meter markiert. Bei „900“ dachte ich mir noch: „Super! Nur mehr 900 Meter!“ Bei „800“ aber bereits: „Noch 800 ?! Das schaffe ich nicht! Das ist ja fast ein ganzer Kilometer!“ Ich lief wie von einem hungrigen Tiger verfolgt, in der Befürchtung, jeden Moment umzukippen. Noch bei der Marke „300“ dachte ich: „Ich schaff das nicht!“ Aber ich rannte weiter. Ich weiß nicht, ob es von außen auch so merkwürdig ausgesehen hat, wie es sich anfühlte, aber ich rannte, je schwächer ich mich fühlte, umso schneller. 200 Meter vor dem Ziel kam noch eine rechts-links Kurve. Es ging unter einem Pfeiler des Oceanogràfic, wo die Startnummernabholung für den parallel stattfindenden Zehner untergebracht worden war durch und dann gleich wieder links auf den mit blauem Teppich belegten Steg über die Wasserbecken hinter dem Museu de les Ciències Príncipe Felipe. Der Zielbogen war zum Greifen nah, ganz sicher war ich meiner Sache aber doch nicht. Die letzten 195 Meter waren in 46 Sekunden erledigt – das war ja eigentlich wie bei meinen guten Marathons. ;) Mit wirklich letzter Kraft stürmte ich über die Ziellinie, sicherheitshalber auch noch über die beiden Kontrollmatten durchziehen, soweit da noch Platz war, und dann vorsichtig einbremsen. Meine Uhr zeigte, als ich in der Lage war hinzuschauen, 3:10:38. Ein bisschen was für das verspätete Abdrücken abziehen, würde so 3:10:35~36 machen – da war ich doch recht nah an die angepeilte Zeit von 3:10 gekommen. Nicht ganz so wie ursprünglich erhofft, aber schon in Ordnung. Jetzt aber in Bewegung bleiben. Irgendwoher tauchte Martin auf, der mich ihm Zielbereich erwartet hatte. Er war sehr zufrieden, das war gut so. Obwohl ich eigentlich völlig k.o. war, war ich sehr mitteilungsbedürftig. Bis wir die Medaillenumhängerin erreicht hatten, hatte ich schon die Hälfte meiner Geschichte erzählt. ;) Das Mädl beglückwünschte mich: „Congratulations! Great time!“ Naja, great time nicht gerade, aber trotzdem sehr zufrieden. Hauptsache, ich war nach der langen Durststrecke und den großen Zweifeln wieder dabei! Die Medaillenumhänger in Valencia haben es übrigens etwas besser als anderswo: Die Medaillen werden in einer Hülle verpackt den Athleten übereicht und nicht um den Hals gehängt. Tuchfühlung mit Marathon-Finisher bleibt den freiwilligen Helfern also erspart. :) Zusätzlich zur Medaille bekam auch jeder eine Tasche mit der Grundverpflegung (Wasser, Obst) in die Hand gedrückt. Im großzügigen (aber nicht allzu charmanten) Nachzielbereich konnte man sich außerdem nach Belieben mit Bananen, Powerade und getrockneten Marillen stärken oder diese in die Tasche für später hamstern. Außerdem wurde Amstel Radler ausgeschenkt – die Globalisierung macht auch vor dem Valencia Marathon nicht statt. Die Coca-Cola Transparente dienten wieder nur der Werbung – das einzige Gebräu des Konzerns blieb weiterhin Powerade. Zurück im Hotel widmeten wir uns erst den freudigen Nachrichten, die an Trainer, Daumendrücker und (in?)offizielle Hüter der Durchgangszeiten zu überbringen waren. Danach ging es nochmals an (nicht in) den Hotelpool um mit dem „Eisbad“ hoffentlich die Regeneration zu beschleunigen.
Epilog:
Es war noch weiterhin nicht mein stärkster Tag, so war ich trotz bester aktiver Regeneration (Martin schleppte mich zu einem ausgiebigen Strandregenerationsspaziergang, den ich nur mit Pullover und Jacke durchstand) ziemlich erledigt. Abwechselnd heiß-kalt, Bauchschmerzen, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen (die Beine waren eigentlich recht OK ;) ). Daher kümmerte ich mich auch wenig um mein offizielles Ergebnis. Irgendwann kam ich dann doch (vorerst nur über die Maraton VLC App abzurufen, die aber recht mühsam war) zu meinem Resultat: 3:11:02. Schon komisch, aber so müde, wie ich war, war’s mir erstmal richtig wurscht. Vielleicht ist das ja mein Bruttoergebnis, vielleicht hat eine Zeitnehmungsmatte nicht ausgelöst und sie müssen eine Kontrollmatte heranziehen – sie werden’s schon noch korrigieren ... Und eigentlich, die genaue Zeit war mir nicht so wichtig. Wichtig war das ankommen – ob 3:10 oder 3:11 – eigentlich einerlei. „Normal online“ gab es die Ergebnisse, bis ich mich kurz vor 21:00 schlafen legte gar nicht. Irgendwann gegen 23:00 weckte mich Martin leicht aufgeregt auf. Nein, kein Brand im Hotel oder ähnliches Drama, sondern: „Die Ergebnisse sind jetzt online. Du stehst auf einmal mit 3:12:38 drin!“ Ich brummelte erst etwas vor mich hin, aber dann gewann der „Nein, das geht jetzt aber wirklich nicht!“-Gedanke die Oberhand. :) Zwei Minuten zu viel aufgebrummt bekommen, da hört sich die Freundschaft auf! Im Halbschlaf griff ich mein Handy, suchte die Ergebnisseite und dort eine Möglichkeit zur Ergebnisreklamation. Keine Ahnung, wie das auf einmal so gut klappte, Ergebnischeck und -korrektur scheint mir schon in die lebenswichtigen Verhaltensmuster eingegangen zu sein. ;) Ich erklärte, dass ich selbst, bei Abdrücken erst ein Stück nach der Ziellinie, 3:10:38 gestoppt hätte und schickte als Argument meinen Strava Link mit. Man möge doch bitte das Ergebnis überprüfen und korrigieren. Natürlich basierte meine Anfrage auf der Hoffnung, dass man mir auf Vertrauensbasis Glauben schenken würde. Beweis ist ein Strava Link ja keiner. Am übernächsten Tag bekam ich Antwort: Danke für die Anfrage, man hätte mein Anliegen an das zuständige Team weitergeleitet, ich möge mein Ergebnis in den nächsten Tagen überprüfen, es sollte dann korrigiert sein. Die nächsten Tage kontrollierte ich laufend – Korrekturen entdeckte ich keine, dafür eine ziemliche Absurdität. Bei genauerer Betrachtung stellte ich nämlich fest, dass die ursprünglich gesehene Zeit von 3:11:02 weiterhin aufschien – als „tiempo oficial“, also brutto. 3:12:38 war „tiempo real“, also netto. Wie ich eine (deutlich!) schnellere Brutto- als Nettozeit haben sollte, blieb mir ein Rätsel. Frühstart konnte es auch keiner sein, nicht von der Startposition, an der ich mich befunden hatte … Irgendwann sah ich mir die Facebook Seite des Valencia Marathon an, um festzustellen, ob auch eine größere Anzahl anderer Teilnehmer ähnliche Probleme wie ich gehabt hätten. Dabei stieß ich auf die recht interessante Feedbackseite eines spanischen Laufportals und las mir die Kritik durch (jaja – „wollen Sie mehr wissen – klicken Sie HIER“ ;) ). Ein Kritiker amüsierte mich so richtig: Er fände es sehr bedauerlich, dass die Müllcontainer an der Strecke nicht mehrsprachig beschriftet waren. Denn so hätten die des Spanischen nicht mächtigen Teilnehmer deren Sinn nicht erkannt, und die gute, umweltfreundliche Absicht der Müllcontainer sei damit untergraben worden. Nein, guter Mann … Einen Müllcontainer erkennt man schon als solchen, zumindest wenn man aus Europa kommt. Und wenn ich meine Flasche nicht dort hineingeworfen habe, dann deswegen, weil ich zu früh oder zu spät mit dem Trinken fertig war, oder weil ich ihn einfach nicht getroffen habe … Sorgen haben die Leute – der sollte mal nach Österreich kommen um zu sehen, was man WIRKLICH an Laufveranstaltungen kritisieren kann … ;) Nach ein paar Tagen, als mein Ergebnis immer noch bei 3:11:02 / 3:12:38 stand, schrieb ich eine Antwort auf die Mail, die ich erhalten hatte. Mein Ergebnis wäre leider immer noch nicht korrigiert, außerdem wäre es höchst unlogisch, eine Nettozeit, die über eineinhalb Minuten langsamer wäre als die Bruttozeit, zu haben. Als weiteres Argument schickte ich noch ein Foto meiner Uhr, das ich nach dem Lauf gemacht hatte, mit. Eigentlich hatte ich dieses nur spaßhalber zwecks Facebook- und Instagram-Postings gemacht, doch jetzt erwies es sich als nützlich. Zwei Tage später kam die Antwort:
“Dear friend,
Again, we apologize for the inconvenience. We checked the classification charts and your real time has been updated to 3:09:01. Please let us know if there is anything else you need us to check.
And congratulations on such a great time!
Kind regards”
Echt jetzt? Wie kommen die auf 3:09:01? Weitere „Argumente“, die ich ihnen schicken konnte, hatte ich keine mehr. Und, wer weiß? Selbst war ich mir ja auch nicht sicher. Hatte ich in dem Beinahe-Delirium, in dem ich ja war, irgendeinen Blödsinn auf der Uhr herumgedrückt? War 3:11:01 jetzt meine richtige Bruttozeit oder nicht? Nur, wie selbst gestoppt, 24 Sekunden zur Startlinie erschien mir wiederum wenig. Konnte es da wegen der Startverzögerung einen Fehler gegeben haben? Wie dem auch sei, ich ließ es dabei bewenden. Fünf Tage nach dem Marathon wollte ich dann halt doch ein Ergebnis haben. Klar ist es etwas unangenehm, um sein Ergebnis herumverhandeln zu müssen, aber die Organisation der gesamten Veranstaltung war so tipp-topp, dass ich von Anfang an überhaupt keine Sorge hatte, dass sich die Sache nicht noch zum Guten wenden würde. Und so war es ja auch.
Somit bleibt mir als Fazit: Valencia ist ein großartiger Marathon, den ich, wenn ich einen Termin im November suche, sehr wahrscheinlich wieder wählen würde. Muss nur noch ich wieder besser werden. :) Und das Laufen darf weitergehen. #ValenciaEsOro
Um meine Schilderung örtlich zu lokalisieren: https://www.strava.com/activities/1281592103
Und für den passenden Sound dazu: :)
Zum Schluss, die Ergebnisse:
Gesamtrang 2151 (zum Vergleich: 3:11:01 beim VCM brachte mir Rang 500 ein :o)
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Klassenrang (Veterana B): 11
« Letzte Änderung: 11.12.2017, 20:20:55 von cbendl »
hippocampus abdominalis

Offline JM

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #5 am: 11.12.2017, 19:51:08 »
Danke für den ausführlichen Bericht. Ich habe hinten angefangen mit lesen und bin beim Video hängen blieben  :) - Den Rest gönne ich mir über die Feiertage
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Offline cbendl

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #6 am: 12.12.2017, 08:41:20 »
Danke für den ausführlichen Bericht. Ich habe hinten angefangen mit lesen und bin beim Video hängen blieben  :) - Den Rest gönne ich mir über die Feiertage
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hippocampus abdominalis

Offline sternschnuppe

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« Antwort #7 am: 12.12.2017, 16:27:50 »
Toller Bericht!! danke dafür und Gratuliere! das mit der Zeit ist aber echt ärgerlich, denn jede Minute zählt ja eigentlich.

Offline Anna

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #8 am: 12.12.2017, 19:14:24 »
Großartig - da hast du ja auch noch die Vorgeschichte psychotherapeutisch aufgearbeitet. Angesichts der eher holprigen Vorbereitung und der Probleme beim Lauf ist deine Zielzeit noch erstaunlicher; das zeigt von deinem großen Kampfgeist.  :beifall:

Offline JM

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #9 am: 12.12.2017, 21:19:28 »
Danke für den ausführlichen Bericht. Ich habe hinten angefangen mit lesen und bin beim Video hängen blieben  :) - Den Rest gönne ich mir über die Feiertage
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Heute habe ich einen großartigen Bericht gelesen, es muss heute wohl Feiertag sein.
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Offline cbendl

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« Antwort #10 am: 12.12.2017, 21:37:32 »
Danke für den ausführlichen Bericht. Ich habe hinten angefangen mit lesen und bin beim Video hängen blieben  :) - Den Rest gönne ich mir über die Feiertage
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Heute habe ich einen großartigen Bericht gelesen, es muss heute wohl Feiertag sein.
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Offline Pizzipeter

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Antw:2017-11-19 Valencia Marathon - cbendl
« Antwort #11 am: 13.12.2017, 06:45:34 »
Super, Carola! Toll gelaufen und sehr mitreißend geschrieben!
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