Autor Thema: 2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh  (Gelesen 915 mal)

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2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh
« am: 24.12.2017, 14:44:10 »
Datum: 2017-12-09
Event: Lanzarote Marathon
Distanz: 42,195 km

Ersteller: shiloh

Offline shiloh

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Antw:2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh
« Antwort #1 am: 24.12.2017, 14:55:51 »
Mittlerweile bin ich in fast jedem Kalendermonat einen Marathon gelaufen – nur der Dezember fehlte mir noch. Dafür habe ich mir Lanzarote ausgesucht, da ich die Insel von einem Aufenthalt 2015 schon kannte und liebgewonnen hatte.

Ab September begann ich mit der gezielteren Vorbereitung, immer im Kampf mit 2 bis 3 Kilo Übergewicht. Ziel war, unter 3h30 zu finishen, ohne plötzlichen Einbruch wie im Jänner in Madeira nach 26 km. Dafür sollten hoffentlich ein paar Longjogs reichen, und vor allem wieder regelmäßiges, solides Laufen. Aber insgesamt nicht übertreiben, entspannt bleiben und mich auf den Urlaub auf den Kanaren freuen.

Mein Hauptproblem seit über einem Jahr ist, daß meine sportliches Leistungsvermögen inzwischen deutlich nach unten (vor allem weil ich weniger trainiere)  und mein Alter aber nach oben gewandert ist. Ich sollte also mein Grundlagentraining mit einem deutlich niedrigeren Ruhepuls laufen als ich es von meinen guten Jahren her gewohnt war – nur ist dieses mittlerweile unpassende Longjog-Tempo noch immer in meinem Kopf und Körper gespeichert. Ich schaffe es also daher kaum, im empfohlenen Pulsbereich von 119 bis 135 zu laufen, sondern laufe meist schneller. Ich kann selten so langsam herumtrotten und bewege mich nur ganz ganz kurz im berechneten GAT 1-Bereich.
Mir wird das bald egal, ich laufe, wie es mir gerade gefällt und ab Oktober wieder ein paar Läufe mit deutlich über 20 Kilometern. Erst das naßkalte Novemberwetter kommt mir ein bißchen in die Quere und bremst mich – gesund bleiben ist mir wichtiger, außerdem besteht das Leben nicht mehr nur aus Laufen.

Der Lanzarote Marathon wird am Samstag, den 9. Dezember, zum insgesamt 27. Mal ausgetragen. Flüge dorthin sind aber von Wien aus leider nur Montag und Samstag möglich, sodaß Karin und ich schon am 4. 12. anreisen. Hinflug mit FlyNiki und Rückflug mit der AUA – das sollte sich später als Glücksfall erweisen. Wir beziehen unser Quartier in einer Zwei-Sterne Adults Only-Unterkunft im Tourismus-Retortenort Costa Teguise, ca. 2 km vom Start entfernt.
Am Donnerstag hole ich mir die Startnummer und freue mich über ein gut gefülltes Starter-Sackerl und ganz besonders über das bunt und originell bedruckte Funktions-Shirt der Veranstaltung. Es sind über 2000 Teilnehmer über alle vier angebotenen Distanzen angemeldet, ein Großteil aus dem Ausland, vor allem aus Großbritannien.
Am Renntag verlasse ich nach 7 Uhr unser Hotel und wandere zum Start, der um 8 Uhr vorm Sands Beach Hotel erfolgen wird.

Endlich ist es so weit: Die Marathonläufer werden losgeschickt. Es erwartet uns eine Wendepunktstrecke bis nach Puerto del Carmen und von dort wieder zurück. Auch vier Rollis sind dabei, auf einer Strecke, die wohl um einiges enger ist als zB  Wien und wo auch durch den Gegenverkehr theoretisch Gefahr besteht.
Es geht gleich mal kurz und heftig auf der Avenida de las Islas Canarias bergauf, dann nach links hinunter zur Strandpromenade bei Km 2, in dessen Nähe unser Quartier ist. Ab jetzt laufen wir  hauptsächlich am Meer entlang. Es hatte in den Tagen davor rund 20 bis 22 Grad Tageshöchsttemperatur und mir ist jetzt in der Früh schon ziemlich heiß. Nach 2,5km gibt`s Wasser, nur leider rutscht mir das Fläschchen wenige Meter später aus der Hand, ohne daß ich getrunken hätte. Na toll, so schwach bin ich schon? Irgendwie ahne ich schon, daß die Sonne und das Auf und Ab auf der Küstenpromenade mir mehr zusetzen werden als erwartet. Äußerste Zurückhaltung ist jetzt wichtig. Alle 5 Km gibt es eine Labestelle und jeweils dazwischen Wasser. Nach 6km verlassen wir die Hotel- und Appartmentlandschaft von Costa Teguise und betreten das Hafen- und Industrieareal. Hier liegt auch seit über 30 Jahren ein riesiges Schiffswrack im seichten Wasser, nur wenige Meter neben der Laufstrecke – Carpe Diem, Läufer!

Bei Km 8 kurzes Austreten und bald danach sind wir schon im Stadtgebiet der Inselhauptstadt Arrecife.  Hafenpromenade, städtischer Badestrand und gleich sind wir wieder draußen. Leicht bergauf und bergab, wieder auf der gepflasterten, ca. drei bis vier Meter breiten Uferpromenade, mit wenigen Richtungswechseln geht`s Richtung Umkehrpunkt. Der Kurs führt längs der Playa Honda, dann direkt neben den Start- und Landebahnen des Flughafens. Immer wieder Anfeuerungen „Venga, chico, animo!“.
Ich greife bei jeder Gelegenheit zu Trinkbarem und laufe vor mich hin, Kilometer um Kilometer verstreichen, ich überlege, wann mir der Führende entgegenkommen wird. Die ersten zwei Rollstuhlfahrer sind schon längst wieder am Weg ins Ziel.
Bei Km 18 ist es soweit. Der irische Vorjahressieger läuft mit großem Abstand vorbei, erst bei Km 19 kommen die nächsten Läufer. Das Zählen der Starter vor mir beschäftigt mich und ich komme als ca. 75. zur Wende in Los Pocillos, einem Vorort der Tourismushochburg Puerto del Carmen. Ich schaue auf die Uhr – 1h35, eh ganz gut.
Hier ist auch der Start für den Halbmarathon um 10h30.

Nach dem Umkehrpunkt bläst mir augenblicklich Gegenwind ins Gesicht, also war bis jetzt vermutlich unbemerkt Rückenwind. Ich stelle mich auf einen harten und entbehrungsreichen Rückweg ein. Der Gegenverkehr wird immer dichter, das Hauptfeld zieht Richtung Halbzeit, auch der Schrittmacher für 3h30 kommt bald. Der Wind, den ich dann doch nicht als so heftig empfinde, hat auch Positives – er kühlt mich und das Bedürfnis nach Trinken ist geringer.
Gelegentlich werde ich überholt, lasse aber auch mal einen Läufer hinter mir. Ich gehe, als ich das erste von zwei Gels mit Flüssigkeit zu mir nehme und laufe sofort weiter. In Arrecife zurück macht mir die Anstrengung schon zu schaffen und es wird zur Quälerei.
Beim Charco de Gines, einem kleinen Hafenbecken für Fischerboote in Arrecife 10km vorm Ziel, spielt eine vielköpfige Trommelgruppe – hier starten später die 10km-Läufer.
Ich beschließe für mich, die Bergauf-Abschnitte zu gehen, mache es aber dann doch nicht. Ich erfange mich psychisch wieder, fühle mich stärker, überhole auch andere und die noch zu laufenden Kilometer werden immer weniger. Bei der Wasserstelle 7km vorm Ziel beim Tanklager gehe ich wieder, drücke mir das zweite Gel rein und nehme Wasser dazu.
Weitere 1000 Meter danach biegen wir wieder auf die gepflasterte Strandpromenade. Ein Stückchen weiter versammeln sich die 5km-Läufer, die irgendwann am Nachmittag starten. Wieder überhole ich zwei Läufer, die mittlerweile gehend unterwegs sind. Mir kann nichts mehr passieren. Die Anfeuerungen werden mehr, viele Spaziergänger, Touristen, Flaneure sind unterwegs.
In Hotelnähe steht auch Karin inmitten einer Gruppe von Zuschauern und winkt und ruft. Ich freue mich, kann aber nur noch müde eine Hand zum Gruß heben.
Noch 2km und bald danach verlassen wir die Küste und es geht hinein und hinauf ins Zentrum von Costa Teguise. Ich kenne hier mittlerweile jeden Meter und wollte hier noch mal Gas geben, aber hier geht mir das Gas endgültig aus.
Leicht bergauf die Avenida del Jabillo und nach rechts in die finale Avenida de las Islas Canarias. Lächerliche 1,5km noch, vor kurzem war ich mir noch sicher, zwei, drei vor mir laufende, auch schon angeschlagen wirkende Marathonläufer, noch locker einholen zu können, aber der Abstand wird größer. Endlich geht es bergab und der Lautsprecher vom Ziel ist zu hören. Ich wage einen zweiten Blick auf die Uhr – irgendwas mit 3h22. Da habe ich wesentlich Schlimmeres befürchtet. Freue mich und kann wieder auf den letzten Metern beschleunigen. Unter 3h23 geht sich um fünf Sekunden nicht aus und auf der Ziellinie werde ich noch von einer Läuferin gestellt, um die sich gleich die Sanitäter kümmern  – völlig egal, bin müde, fertig, aber glücklich und seeeeehr zufrieden.

Riesige Medaille, Getränk, Foto – und weiter schleppe ich mich zur Zielverpflegung.
Üppiges Zielbuffet, viele Leckereien, nur leider geht kaum was in den zusammengezogenen Magen. Großzügig sind hier Tische und Sesseln für die müden Finisher aufgestellt und es ist noch viel Platz. Bald schau` ich zur Massage. Ich bin zwar nur 76. im Ziel, aber bei über 30 Masseuren bewegt sich die Wartezeit im Sekundenbereich. Lange und ausgiebig sind meine gestreßten Beinchen massiert worden.
Gleich nebenan hole ich mir den Kleiderbeutel, gehe nochmals zur Verpflegung. Inzwischen wird der Trubel hier immer größer, denn auch die ersten Halbmarathonis trudeln ein.
Entlang der Laufstrecke gehe ich zurück ins Hotel, beteilige mich auch noch am Anfeuern, bin entspannt und zufrieden mit dem Lauf und dem Ergebnis. Ich freue mich auf die zweite Urlaubswoche hier.

Der Marathon hier ist perfekt organisiert und somit unbedingt zu empfehlen (www.lanzaroteinternationalmarathon.com). Neben dem Marathon und dem bekannten Ironman hier, bietet die Insel viele andere Möglichkeiten an Wettkampfsport, zB Trailläufe und Open Water-Schwimmbewerbe (www.lanzarotedeportes.com).
Einziger Wermutstropfen ist der Fotoservice pic2go, der den Code auf der Startnummer identifiziert, so daß der Teilnehmer dann seine Bilder in sein FB-Profil hochladen kann. Offensichtlich bin ich da irgendwie durchgerutscht, denn bis jetzt konnte ich nach Eingabe meiner Startnummer keine Fotos auf den FB-Account meiner Freundin übertragen – sehr großes Minus!
Epilog: Wie doch die Erinnerung trügen kann. Nach Durchsicht meiner Medaillen, Urkunden und Ergebnislisten konnte ich leider doch keinen Marathon im Juni entdecken – aber in diesem Monat wird immer der Alpinmarathon in Liechtenstein ausgetragen und der steht schon lange auf meiner Todo-Liste.
It`s good to have an end to journey toward, but it`s the journey that matters, in the end. (Ernest Hemingway)

Offline Anna

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Antw:2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh
« Antwort #2 am: 24.12.2017, 17:15:27 »
Großartig Harald! Mit deinen All-Seasons-Marathonreisen machst du richtig Lust.

Offline uschi61

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Antw:2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh
« Antwort #3 am: 24.12.2017, 19:50:43 »
danke für deinen interessanten Bericht und Gratulation zu deinem tollen Lauf  :applaus2: !
Lebe deine Träume!

Offline Josefstädter

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Antw:2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh
« Antwort #4 am: 25.12.2017, 02:16:56 »
Danke für den Bericht. Das war ein Weihnachtsgeschenk. Den 8. Dezember 2018 habe ich zumindest notiert.
 :welle1:
VCM Pop-up-Run 16.9.2020      7. Rauchwart-Marathon 26.9.2020      Wien Rundumadum - Die Ganze G'schicht 31.10.2020

Offline JM

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Antw:2017-12-09 Lanzarote Marathon - shiloh
« Antwort #5 am: 26.12.2017, 07:46:52 »
Danke für den Bericht. Macht Lust auf Urlaub  :)
When your life flashes before your eyes, make sure you’ve got plenty to watch