Autor Thema: 2026-05-02 Rotorua Marathon - Ulrich  (Gelesen 39 mal)

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2026-05-02 Rotorua Marathon - Ulrich
« am: 06.05.2026, 16:06:59 »
Datum: 2026-05-02
Event: Rotorua Marathon
Distanz: 42,195 km

Ersteller: Ulrich

Offline Ulrich

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Antw:2026-05-02 Rotorua Marathon - Ulrich
« Antwort #1 am: 06.05.2026, 16:09:03 »
ganz weit weg und doch auf der Strecke zuhause
 
Rotorua, eine Stadt in Neuseeland. Nein, das ist nicht der passende Beginn. Vielleicht eher..
 im Juli 1996 war ich das erste Mal in Rotorua im Rahmen eines Austauschprogramms namens „youth in action“. Wir fuhren damals (soweit ich mich erinnere) 1 Woche herum, mit anderen Worten rasten wir wohl in einem Bus durch die Attraktionen der Nord- und Südinsel) und waren dann bei einer Host-family im Großraum Auckland einquartiert. In meinem Fall in Papakura, einem kleinen Vorort…
 Aber ist das der passende Beginn?

 
Vielleicht, als ich mich entschlossen hatte… ja, das schaut gut aus, als ich mich entschlossen hatte, meine Ferse operieren zu lassen. Als meine Marathonserie nicht mehr ganz so fix schien und ich in den Wochen vor der OP bei jedem Schritt Schmerzen hatte, an Laufen war da so gut wie nicht zu denken. Nun und dann kam das Gespräch mit dem Doc des Sportambulatoriums, der mir davon erzählte, dass er schon Patienten gehabt hätte, die nach der selben OP wieder Marathons gelaufen wären. Ich blickte Heidi an und wir entschlossen sofort, die OP zu riskieren. Ein paar Wochen musste ich noch warten, dann war es soweit. Alles klappte bestens, wenige Tage drauf konnte ich wieder Radfahren, nach knappen 6 Wochen auch wieder laufen, oder zumindest damit beginnen. Langsam, erst 200 Meter, dann 500, dann einen Kilometer, dann 3 dann 5…
Vorbereitung war es keine, doch dann (hierzu habe ich ja schon einen ausführlichen Bericht geschrieben…) die 47km im Rahmen des Rundumadum. Ich konnte es wieder, war wieder dabei.
Irgendwann in dieser Zeit lud Heidi’s Forschungsinstitut zu einem Abend der offenen Tür. Ich unterhielt mich zu diesem Anlass mit Philipp, einem ihrer Kollegen, der mir von seinem Trip nach Neuseeland erzählte. Er hatte die Drehorte der „Herr der Ringe“ Trilogie besucht und erzählte, in einer für Forscher enthusiasmierten Art von der Reise. In der weiteren Folge sahen Heidi und ich uns auf Youtube das eine oder andere Video vom „Land der langen weißen Wolke“ an, unter anderem auch von Rotoruamarathon.
 Hier muss man dazu sagen, dass ich schon 2 Mal zuvor in NZ war und die Stadt Rotorua damals besonders ins Herz geschlossen hatte. Sie liegt an einer mit einem See gefüllten Vulkancaldera mit einem Umfang von (wie praktisch) 42 km.
Eigentlich hatten wir ja schon zu meinem 50er überlegt, nach Neuseeland zu fliegen, doch damals im Jahre 2021 hatte die Welt andere Pläne, so entschlossen wir uns im November, uns für den Rotoruamarathon am 2.5.2026 anzumelden. In weiterer Folge plante ich, so gut ich konnte die Reise. Organisierte einen Mietwagen über einen Anbieter in NZ, fand jenes Hotel in Rotorua, in dem ich bereits vor 24 Jahren mit meinem Bruder beste Erfahrungen gemacht hatte (es lag darüber hinaus in unmittelbarer Nähe von Start/Ziel des Marathons) und reservierte eine Suite für uns.
Die Wochen, Monate vergingen, die Weltgeschichte schien wieder ein wenig gegen uns zu arbeiten, als plötzlich durch den Iran-Krieg unser mit Emirates geplanter Flug von Wien nach Dubai und weiter nach Christchurch unsicher wurde. Glücklicherweise konnten wir sehr unkompliziert umbuchen und fanden uns schlussendlich in der Singapore Airlines wieder.
(Eine weitere nette kleine Anekdote… Ich hatte mir vorgenommen, die Reisekosten durch neu aufzustellende Jobs und Projekte zu finanzieren, was recht gut gelang)
Mitte April waren dann die Vorbereitungen abgeschlossen, die Versicherungen abgeschlossen, Rucksack und Tasche gepackt.. es war der 16.April, Tag es Abflugs.

 
Über Frankfurt nach Singapore, dann nach Christchurch, auf die Südinsel Neuseelands). Ach, wie ich es liebe, übernachtig funktionieren zu müssen, aber manchmal geht’s halt nicht anders.

 
Wir haben ja in Wien kein Auto, sind dank des Klimatickets und der diversen Carsharingmöglichkeiten nicht darauf angewiesen. Umso größer war meine Überraschung, als ich den Mitsubishi Outlander sah, der uns in Christchurch am Parkplatz des Mietwagenanbieters erwartete. Dieses Riesentrumm sollte ich nun fahren? Gut wenigstens hatten wir eine gewisse Knautschzone.
Unser allererstes kleine Lauferl in Christchurch war weniger von sportlichem als botanischem Wert. Der botanische Garten lag unmittelbar neben unserem Hotel und bot sich mit all seinen Schönheiten zum belaufen ein.
Von meinen vorherigen Aufenthalten kannte ich schon den Lake Tekapo als beschauliches Platzerl mit einer netten kleinen Kapelle. Ebenso findet sich in unmittelbarer Nähe der Kapelle ein Denkmal des Schäferhundes, der im Land der Schafe eine unverzichtbare Rolle einnimmt. Nun, was ich aber nicht am Plan hatte war einerseits das kalte Wetter, die Unmengen an chinesischen Touristen und die schlicht nicht vorhandene Dämmung unserer ersten Unterkunft. Egal, es wird noch besser.
In der Hoffnung auf eine etwas komfortablere  Bleibe fuhren wir nach Dunedin. Ein Hügel folgt hier dem nächsten, wobei die Architektur der Stadt durchaus sehr charmant ist. Wir freuten uns über ein weiches Bett, eine gute Heizung und schliefen nach dem Essen (für Heidi zu bald, aber ich war von der Fahrerei schlicht fertig) bald ein. Am Morgen grüßte uns zwar der Regen, doch wir wollten die Stadt in den Morgenstunden ein wenig erlaufen. Ein kleiner Hügellauf in einen Park erschloss uns zumindest einen kleinen Teil der Stimmung dieser reizvollen Stadt im Süden der Südinsel.

 

 
Dunedin

 
Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die südlichste Stadt Kiwilands, Bluff zu besuchen, hier auch zu laufen. Ein kurzes Berglauferl hinauf auf einen Aussichtspunkt, der uns den Rundblick über den Südpazifik und die schmale Landzunge, die Teile von Bluff ans restliche Neuseeland bindet ermöglichte war der Lohn. Nun auch.. dass ich die Tage drauf dann nur 2/3 fit war, ich hatte mich erkältet und fühlte auch den Stress, täglich über 300km in einem panzergleichen SUV auf der für uns falschen Seite zu fahren. Doch.. was war die Alternative? Wir hatten ein gewisses Zeitfenster, welches wir einhalten sollten, um rechtzeitig in Rotorua zu sein.

 
Eigentlich sollte ja der Milford Sound ein Highlight der Reise werden, doch 2 Punkte standen dem entgegen. Das Wetter sollte (wieder einmal) einen freien Blick auf die Fjordlandschaft verhindern und.. ich war schlicht erkältet, fühlte mich nicht gut. So beließen wir es bei einer Übernachtung in Te Anau und entschieden uns, etwas Stress aus der Reise zu nehmen, um den Marathon nicht zu gefährden. Wir planten auch nur noch von Tag zu Tag, wollten uns dort niederlassen, wo es uns gefiel und wo die Tageskilometer ansatzweise zum Plan passten. So landeten wir im kleinen Ort Omarama im Landesinneren. Die Fahrt über Queenstown und einen Pass fühlte sich zwar richtiggehend hochalpin an, doch mussten wir lachen als Heidi herausfand dass Omarama immer noch tiefer als Wolfsberg lag. Die Lage im neuseeländischen Nirgendwo ermöglichte jedenfalls einen wunderschönen Blick auf den Sternenhimmel, ja sogar die Milchstraße ließ sich in einem milchigen Band am Himmel erahnen. Gleich motivierte Heidi mich zum ersten „Milchstraßenlauf“.

 
Über Picton setzten wir mit der Fähre dann auf die Nordinsel über, wo wir in weiterer Folge in einem verschlafenen Örtchen namens Foxton Beach übernachteten. Endlich konnten wir hier auch mehr als nur 2 Kilometerchen laufen, immerhin bewegten wir uns hier fast 6 KM im Laufschritt über Sanddünen zum Strand.

 
Glücklicherweise hatten wir in den Wochen vor der Reise ein kurzes Video mit Reisetipps gesehen. Hier war vom Mount Taranaki die Rede gewesen, einem Vulkan, der offenbar überaus markant aus der Landschaft heraustechen sollte. Nun.. ja, das tut er auch. Wir übernachteten in der Ortschaft Stratford und fuhren 2 Mal in die Nähe des Vulkans. Die Mischung aus Regenwald, Frost, Schnee und einem sonst wohl kaum zu wiederholenden Blick auf dieses Naturkunstwerk war eine der vielen bleibenden besonderen Erinnerungen unserer Reise.

 
in einem netten und durchaus beschaulichem Ort namens Taumarunui , den wir über eine wundervolle uns recht anspruchsvolle Straße namens „forgotten highway“ erreichten, dann ein kleiner Schock. Ich entdeckte einen ca. flächengrößeren roten Fleck an meiner Hüfte, gerade dort, wo mich 2 Wochen zuvor eine Zecke erwischt hatte. Unsere sehr bemühten Gastgeber des „Inn at the Convent“ begleiteten uns ins nahegelegene Spital, wo ich sehr unkompliziert gleich ein Breitbandantibiotikum verschrieben bekam.
Mit immer flauer werdendem Magen ging es dann weiter nach Taupo, hier fanden wir uns bald auf einem fantastischem Trailwalk wieder, der uns die Schönheiten der neuseeländischen Flora präsentierte.
Am 30.4. dann kamen wir nach Wai-o-tapu. Nein, dieser Ort hat nichts mit Laufen zu tun, aber mit meinen Träumen. Ich weiß auch nicht wieso, doch diese Mischung aus Schwefel, allen daraus entstehenden Farben und einer einzigartigen Natur hat es mir schon 1996 angetan, so sehr, dass ich viele Jahre von ihr geträumt hatte. Hier war ich also wieder.
Und dann das Princes Gate Hotel in Rotorua, wo ich schon im Winter reserviert hatte, das Hotel aus dem 19 Jahrhundert mit seinem eigenen Thermalpool. Hier einzuchecken war besonders, war ein Traum für mich. Und er wurde wahr.
Wissend um die zu erwartenden Tagestemperaturen während des Marathons kauften wir schnell noch eine Laufkappe für Heidi und… in der Früh konnte es durchaus knackig frisch werden … Ärmlinge auch gleich dazu.
Den Tag vor dem Marathon verbrachten wir mit Sightseeing im Redwoodforest und bei einer Einladung des in Rotorua heimischen Maori-Stammes, die die Marathonis zu einer Zeremonie geladen hatten. Dann beim Abendessen die unerfreuliche Überraschung… mein Magen wollte so gut wie kein Essen behalten, eine Serie von WC-Besuchen verschaffte meinen Carbos den Weg ins WC. Sollte ich so den Marathon laufen können, was wenn ich meine Verdauung nicht im Griff haben sollte? Was wenn? Grad bei diesem Lauf?
 Die Nacht verlief ruhig, der Morgen wiederum erleichterte mich wieder um einiges Gewicht. Irgendwie mischte sich ein bitteres Lächeln mit nicht unbeträchtlichem Frust. Ich scheixxx mich ja schon wieder so an, wie vor dem 24er Rundumadum. Und er wurde dann so genial. Was soll’ s wir starten natürlich, hoffe, es geht nicht in die Hose. Wenn ich die ersten 10 KM halbwegs überstehen sollte, dann wird’s schon gehen.

 
Was man zum Herbst in Neuseeland wissen sollte: in der Früh ist es frisch, weit frischer als die diversen Wetterapps behaupten. Es hatte nicht die avisierten 8 Grad, sondern frische 2. Bei Sonne, aber dennoch frisch. Nach ein paar sonnigen Minuten… dann der Start. Gleich bei der Startlinie zelebrieren einige Maori den Haka und grüßen uns, hey. Ich lauf beim Rotoruamarathon, ich bin dabei. Die ersten Kilometer laufen Heidi und ich noch gemeinsam, dann reiße ich ein wenig nach vorn ab und versuche, ich auf die Strecke einzustellen. Wir laufen aus Rotorua raus, durch Vororte, an der Hauptstraße entlang, am Gehsteig, am Highway entlang. Nein, nicht beim Highway, sondern am Highway unmittelbar neben den Autos, die zwar vorsichtig aber doch mit normaler Geschwindigkeit ohne wirkliche Absicherung an uns vorbei fahren. Der Asphalt fällt mir auch etwas interessant auf. Er wirkt wie grobes Schmirgelpapier, scheint irgendwie bei jedem Schritt ein wenig zu bremsen, aber was soll’s. Heute geht es nicht um Zeit, nicht einmal um den leichten Schritt, heute ist jener Marathon den ich irgendwann als eins der größten Highlights meiner Laufkarriere bezeichnen werde. Wenn ich durchkomme. Inzwischen bin ich irgendwo bei km 10 und mein Bauch macht keine Anstände sich zu melden. Sehr erfreulich.
Ach ja, die Labestellen sind sicher auch eine Erwähnung wert. Hier ist Schmalhans Küchenmeister. An den meisten finden sich die üblichen Plastikbecher mit Wasser, an vielleicht 4 Stellen werden wir mit Iso gelabt, an 2 Stellen gibt es Cola und an einer den bekannten roten Bullen. Das war’s dann schon wieder. Willst was essen, BYO, bring your own. Gut dass ich 4 Gels eingesteckt habe.
Nein, ich kann nicht allzu viel über die ersten 20 KM berichten, stellt Euch eine Strecke unmittelbar an einer Landstraße oder Autobahn vor, ohne Absperrungen und ihr habt den ersten Teil imaginiert.

 
Jener Part, der mich sehr emotional werden ließ war irgendwann nach 20 KM gekommen. Die ohnehin schon recht hügelige Strecke führte uns auf einen Hügel, der mit Farnbäumen, Palmen und dichtem Regenwald bewachsen war. Hier konnte ich nicht mehr laufen, nicht weil es die Beine nicht hergegeben hätten, sondern weil mit die Fotos wichtiger waren als die Lauferei. Auf einem Video, fange ich vor Freude fast du heulen an, so gerührt bin ich vom Glück diesen Moment erleben zu dürfen. Und wenn wir schon beim Glück sind...mein Bauch hält bisher. Was auch schon alleine deswegen positiv ist, weil es auf den ersten 15 KM keinerlei Erleichterungsmöglichkeiten gegeben hätte. Kleingarten reiht sich an der Strecke an Kleingarten, hier zur Rasendüngung beizutragen würde möglicherweise nicht als freundlicher Akt verstanden werden…. Nach 25 KM aber geht’s schnell und ich schlage mich in die Büsche. Gut, dass ich neben 4 Gels doch einen großen Vorrat an Papier dabei habe. Ich plaudere natürlich auch wieder mit meinen Streckenabschnittspartnern, lerne so einen Kollegen mit PB 2:32 kennen, der schon zum 31. Mal dabei ist und 68 Marathons zu Buche stehen hat.
Ab KM 30 lege ich noch weniger Wert auf ein konstantes Tempo als zuvor (und da war es mir schon egal), was wohl dazu führt, dann mich so manche Kolleg*innen im Umfeld skeptisch beäugen. Laufe ich, dann bin ich oftmals in 5:20 unterwegs, dann gehe ich wieder. Aber es ist mir sowas von egal. Ich genieße den Tag ich juble in mich hinein, dass ich diesen Tag, diese Reise, diese wundervolle Marathonlauferei mit dem Marathon heute und hier krönen darf. 12, 10, 8 , die Kilometer schmelzen, mir geht’s ausgezeichnet, ich habe keinerlei Probleme, was ehrlich gesagt nach 2 Autowochen mit ca 3000 KM, einer Erkältung und einem antibiotikabedingten Durchfall nicht ausgemachte Sache war. Ich muss lachen, da bin ich in Neuseeland, also so weit von zuhause weg, wie nur irgendwie möglich und doch zuhause. Ich bin auf meiner Strecke, heute ist der Marathon wieder mein zuhause. Was für ein Gefühl.
Noch 5, 4, wir laufen durch die Parkplätze von Einkaufszentren, dann durch eine Fußgängerzone, an unserem Hotel vorbei, noch ein Kilometer, ich filme die letzten 500 Meter mit, überhole noch 2 junge Männer und werde im Ziel vom Sprecher begrüßt. Ulrich Wanderer from Austria!

 
Funfact… ich bin um 40 Sek schneller als im Dezember auf Lanzarote, da habe ich für etwas „Ernsthaftes“ noch Luft nach oben.

 
Gleich im Ziel drehe ich um und mache ich auf den Weg, Heidi entgegen zu kommen. Ich bin nicht einmal sonderlich müde, da kann ich ja auch gleich wieder auf die Strecke. Etwas über einen Kilometer und eine kurze Schattenpause später blitzt schon ihre neu erstandene grellgelbe Laufkappe auf, Heidi hat sich eines Farmers angenommen, der heute seinen ersten Marathon bestreitet und ihn sicher ins Ziel begleitet.
Ich hatte den Traum, nach der OP wieder schmerzfrei zu laufen und es wurde der Rotoruamarathon draus. Was für ein geiles Leben

 
Und jetzt…. Da ich diesen Bereich gerade über dem australischen Outback in einer beengten Maschine der Singapore Airlines tippe… ist es doch einfach..
 jetzt geht’s dann weiter.

 
 
Weil 42 die Antwort ist und 130 der Sinn

 

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