Chisinau-Marathon (und kurze Vorgeschichte)
Mein letzter Bericht in diesem Forum stammt aus dem Jahr 2019 und ich schaue nur mehr selten hier vorbei. Die Wertigkeit von Laufwettkämpfen bzw. das Interesse daran hat sich bei mir geändert, auch sind die Leichtigkeit und Unbeschwertheit nicht mehr so da.
Dass 2019 mein letztes wirklich gutes Jahr sein würde, wußte ich damals noch nicht – nach dem IM Lanzarote, nach dem Gletschermarathon im Pitztal (mein 40. Marathon) mit seither unerreichten Sub 3h30 und meinem bislang letzten Höhenstraßenlauf. Dort werde ich in Woche wieder mal starten und ab jetzt über 60 Minuten bleiben (was ja gar nicht so schlimm ist).
Ende 2019 begannen Fußprobleme, die mich anfangs nicht so störten, weil durch Corona eh alles still lag. Leider besserte sich nichts in den Folgejahren, trotz verschiedener Therapien, so dass es 2023 zu einer Morton Neurom-OP kam. Durch die OP bekam ich zwar eine Hammerzehe, konnte aber wieder laufen. Ein anderer Orthopäde meinte später, er wäre sich nicht so sicher, ob das ein Neurom gewesen ist, aber egal, da unten im Fuß gibt´s halt viele potentielle Krisenherde.
Nach fast fünf Jahren Absenz stand ich 2024 wieder an der Startlinie eines Marathons und zwar in Salzburg. Es wurde eine Hitzeschlacht und mein erstes Plus-4h-Finish in 4h09. Damit war der insgeheime Druck weg, möglichst lange einen (Nicht-Berg)marathon unter 4h zu finishen. Die Freude überwog auch bei weitem.
Im Herbst ein katastrophaler Drei-Länder-Marathon in 4h24 mit einigen Gehphasen, aber dafür endlich mein Ziel erreicht, in allen österreichischen Bundesländern einen Marathon zu laufen (=finishen).
Natürlich hatte ich längst das nächste Ziel im Visier, nämlich in jedem Nachbarland zu marathonisieren und da fehlten noch vier Staaten.
2025 dann der wunderbare „Drei Herzen Marathon“ in Radenci mit toller Laufstrecke durch die Dörfer rund um diesen slowenischen Kurort, davon auch sieben KM in Österreich bei Bad Radkersburg, meine wahrscheinlich letzten Marathon-KM in Österreich. Mit 3h42 war ich überglücklich, denn bis KM 36 lief es wirklich gut.
Im Herbst Budapest und das war Schwerstarbeit. Schon nach einem Drittel müde Beine, Hitze, Wind, fünf mal Donaubrücke rauf und wieder runter. Ich kann´s jetzt noch nicht glauben, dass ich die letzten zwei KM noch forcieren konnte, um in 3h58 das Ziel zu erreichen.
Prag 2026 war leider im Februar schon ausverkauft (wird mich hoffentlich 2027 am Start sehen), also Plan B, nämlich Genf. Wieder sehr fordernd, hügelig, aber abwechslungsreiche Strecke mit viel Grün, durch die Dörfer zwischen Genf und französischer Grenze, tolles und zahlreiches Publikum, dann die letzten harten KM bergab zum See und in die Stadt hinein. Gott sei Dank leichter Regen seit dem Start bei angenehmen Temperaturen. Am Schluß zwei mal kurz Gehen, da Sub-4h gesichert war, im Ziel nach 3h51, überglücklich über die Zeit, aber diese Anstrengung.
Leider war es mir seit der Operation nicht mehr möglich, ein gutes Lauftraining zu absolvieren. Das Älterwerden, Streß, zu wenig bzw. fast keine gute Regeneration, kaum Zeit für Begleitmaßnahmen, die immer wichtiger werden wie Krafttraining, Dehnen, Muskelaufbau- bzw. -abbauhinauszögerungstraining, usw
Darum auch immer ein viel zu hoher Puls im GAT1-Bereich und wenig Motivation für unterschiedliche Trainingsreize. In der Sportordination konnten aber meine Ängste ausgeräumt werden, ob das denn schädlich sei, unter solchen Rahmenbedingungen zu laufen. Trotz allem ergaben ja die Tests, dass ich trotzdem ziemlich fit bin und nichts gegen Laufbelastung spricht.
Die Freude am Laufen ist also geblieben, aber auch der Plan entstanden, nach dem 50. Marathon mit den langen Distanzen aufzuhören – sie tun meinem Körper bzw. dem Bewegungsapparat letztlich nicht gut, Schmerzen, Steifigkeit und Unbeweglichkeit zermürben mich immer mehr.
Trotzdem schwirrten im Kopf Überlegungen herum, welche Marathonziele mich noch reizen könnten, denn wenn ich in allen Nachbarländern mindestens einmal gelaufen bin, fehlen noch vier Stück auf 50.
Vor zwei Jahren „entdeckte“ ich dann, dass in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau, seit ca. 10 Jahren ein Marathon gelaufen wird und es eine gute Homepage in Rumänisch, Russisch und Englisch gibt.
Und heuer war es endlich soweit: in den letzten Monaten Anmeldung, Buchung von Flug (ca. 90 Min.) und Quartier in Startnähe erledigt und am 11. September mit meiner Frau hingeflogen.
Die Vorbereitung gewohnt miserabel, nur vier Long Jogs mit Endbeschleunigung, meist nach 21h und trotzdem bei 25 Grad und mehr gelaufen, keine schnellen Einheiten, wenig Erholung, auch wegen der monatelangen Hitze.
In Chisinau auch knapp unter 30 Grad, aber mit Prognose für Abkühlung am Sonntag zwei Tage später.
Gewundert hab´ ich mich schon etwas, dass im grünen Chisinau die Laufstrecke im Marathon vier eher einfallslose Runden auf zwei breiten Boulevards sind, mit nur einer markanten Richtungsänderung. Das Streckenprofil habe ich zwar kurz angesehen und in irgendeinem Kommentar meinte einer, der Kurs wäre „a little bit hilly“, aber ich stellte mir nach dem hügeligen Genf-Marathon einen flachen Stadtmarathon vor und machte mir keine weiteren Sorgen.
Gleichzeitig mit den 42 Km gab´s einen HM, einen 10er, einen 5er und einen Fun Run. Für alle Läufer ein gut gefüllter Goodie Bag, schönes T-Shirt (nicht im Startgeld inkludiert) und eine tolle Stimmung im Start-/Zielbereich.
Wegen der schlechten Vorbereitung mußte ich mit einer Zeit von über 4h rechnen, machte mir darum keinen Streß, freute mich nur, hier in Moldau zu sein und mit Englisch gut über die Runden zu kommen (und ein paar Wörtern Rumänisch). Darum auch die Anmeldung für den Shakeout-Run am Samstag (hier gab´s auch Shirt und Kapperl als spezielles Souvenir). Bei diesem gemütlichen Jogging konnte ich erkennen, dass die Stadt alles andere als flach ist. Zum Stadtpark mit See ging es erst ein paar Quergassen leicht bergauf, dann im Park eine unglaublich lange Treppe hinunter zum Ufer. Ich hab dann bald umgedreht, denn alle Kräfte wollte ich hier nicht vergeuden und es war nicht klar, wie weit die Gruppe noch laufen sollte.
Am Abend sah ich mir im Zimbru-Stadion ein Spiel der ersten moldauischen Fußball-Liga an, in Malta vor acht Jahren war ich ebenfalls am Marathon-Vorabend am Fußballplatz.
In der Nacht auf Sonntag schüttete es heftig, am Morgen wurde es weniger und beim Start vor dem Parlament war es kühl und trocken – perfekt!
Um 9h der Startschuß für alle Distanzen (keine Trennung der Läufer). Nicht wirklich bemerkbar bergab den Bulevardul Stefan cel Mare si Sfint (Landes-Nationalheiliger) und bald kamen die ersten Läufer und Rollis der kürzeren Distanzen uns wieder entgegen.
Beim „Platz der Nationalen Einheit“ (wenn ich das richtig übesetze) der einzige markante Richtungswechsel, ausgenommen die Wendepunkte. Es geht nach rechts in die Ciuflea-Straße samt markanter Kathedrale und schon leicht bergauf. Wenig später eine leichte Biegung nach links und die Straße wird jetzt zum Bulevardul Dacia. Ab hier gehört die linke Fahrbahn mit vier Fahrstreifen den Läufern, die andere Fahrbahn, durch einen Grünstreifen getrennt, den Autos – vorher hatten wir die gesamte Straßenbreite zum Laufen.
Nochmals eine minimale Straßenkrümmung nach links und weiter bergauf über eine lange Brücke. Darunter viel Grünfläche, das Rosental. Irgendwo da oben bzw. da vorne sollte dann der erste Wendepunkt sein. Und da ist er auch schon endlich, bei einer Tankstelle.
4100 Meter sind geschafft und jetzt das ganze retour, viel bergab. Bei der Red Bull-Station weiter unten will ich mir in der 4. Runde dann was gönnen. Dann wieder hinauf zu Start/Ziel und der nächste Wendepunkt sollte nur 3 bis 4 Querstraßen entfernt sein. Hinter dem Zielbogen taucht in einiger Entfernung ein grüner Bogen auf, der ist aber noch nicht die Wende, da bald hinter ihm ein blauer Bogen auftaucht. Der ist es leider auch nicht, erst ein Stückerl danach eine Video Wall, wo umgedreht wird (5,2km vom anderen WP entfernt). Auch hier gibt`s eine große Kathedrale.
Die akustische Begleitung auf der ersten Runde war interessant: Chorgesänge aus den beiden Kathedralen auf der Strecke, Anfeuerungsrufe der Zuschauer und aus den Lautsprechern der simple, aber doch irgendwie charmante ESC-Beitrag „Viva Moldova“, der aber textlich doch so fordernd ist, dass ich mir immer nur „Saluti a tutti, Moldova is on duty“ merke.
Ja, und noch etwas mehr als 1000m und die erste Runde ist beendet. Und jetzt noch drei mal diese Runde. Weder gibt es eine Zeitanzeige bei Start und Ziel, noch Kilometermarkierungen auf der Strecke – beides fand ich nicht störend.
Mir ging´s noch gut, bald waren fast ausschließlich HM- und Marathonläufer auf der Strecke. Acht Gels waren in meiner Laufweste verstaut, so dass ich keine Labestellen ansteuern mußte. Da auch ausnahmsweise keine Pinkelpause notwendig war, konnte ich wieder mal einen Marathon von Start bis Ziel durchlaufen – und das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.
Irgendwann in der 2. Runde merkte ich, dass es wieder regnete, aber noch gelang es mir, den Lacken auf der Straße auszuweichen. Bei Halbzeit der erste Blick auf meine Uhr und wie immer rechnete ich mit dem Schlimmsten. 1h50 überraschte mich aber positiv, ich hatte also eine gewisse Zeitreserve für Sub-4h, mußte aber andererseits „dranbleiben“.
Der stärkere Regen ließ mittlerweile nur die härtesten Zuschauer am Streckenrand verweilen und es wurde einsam auf den Straßen. Wieder leicht hinunter, scharf nach rechts und die Endlos“gerade“ hinauf zur Wende beim Rosental-Park. Alles retour und inzwischen war´s sinnlos, den Lacken auszuweichen bzw. trockene Stellen zu suchen, viel Wassertreten am Asphalt.
2h47 nach der dritten und endlich in die letzte Runde. Bergauf merkte ich schon das Nachlassen der Kräfte, wurde von anderen überholt und natürlich von den flottesten Läufern schon längst überrundet. Noch einmal den Dacia Boulevard runter, die Red Bull-Menschen hatten scheinbar keine Lust auf Abenteuer und Extreme und duckten sich im Regen unter ihr Schirmchen. Ich wollte hingegen meine Umlaufbahn nicht verlassen und mir einen Becher selbst holen, ergo mußte ich ohne verliehene Flügel wieder hinauf Richtung Ziel laufen. Dort gab´s eine besonders fiese, breite und tiefe Lacke, nichts wie durch und den langen Katzensprung zur Strada Toma Ciorba, wo ich zum allerletzten mal umdrehte. 3h40 auf der Uhr und große Erleichterung und Freude bei mir und der Ehrgeiz, noch unter 3h50 zu finishen – das gelang mit 3h48.
Mit riesiger Zufriedenheit ließ ich mir die bunte Medaille um den Hals hängen und wankte zur Zielverpflegung.
Im Ziel dann die einzigen Mankos an der Veranstaltung. Dass der Fotograph im Ziel auch schon vom Regen vertrieben wurde und ich deswegen kein Zieleinlaufphoto hatte, war nicht so schlimm als dass das Zielbuffet etwas mager war. Leider keine heißen Getränke, auch keine Wärmefolie, nur kaltes Obst, auf das ich überhaupt keine Lust hatte. Gebäck, Kuchen oder Ähnliches hätte ich schon noch runtergebracht, aber kalte Äpfel, Orangen, Bananen, kaltes Wasser…
Trotzdem war´s ein unglaublich tolles Erlebnis und ich kann die Veranstaltung nur weiterempfehlen.
Durch´s Start-Ziel-Expo-Eventgelände machte ich dann noch einen Umweg auf die andere Seite, wo ich vorm Start meinen Regenponcho auf´s Absperrgitter gebunden hatte. Er war noch da und ich konnte ihn gut gebrauchen für den kurzen Rückweg ins Hotel.
Warum ich trotz vieler Hürden in der Vorbereitung trotzdem zu einem guten Resultat gekommen bin? Erstens das Wetter – 15 Grad sind halt doch besser als 25 oder 30 Grad und zweitens vermutlich die Energieversorgung durch Gels während des Laufens. Früher, als ich noch frisch, flott und fröhlich gelaufen bin, hatte ich ein bis zwei Gels mit und mich sonst bei den Labestellen bedient. Das hat damals noch irgendwie gereicht. Inzwischen hab´ ich´s aber endlich behirnt, was mir immer gepredigt wird, und sorge für eine kontinuierliche Energiezufuhr ca. alle 30 Minuten durch Gels.
Die Rundenzeiten dürften das auch untermauern. Nur die letzte Runde deutlich langsamer als die ersten drei und der 2. Hm keine sieben Minuten langsamer als der erste.
Karin und ich sind dann noch bis Donnerstag im Land geblieben und nutzten dafür auch einen Mietwagen. Am Montag fuhren wir zum verwunschenen jüdischen Friedhof von Chisinau und dann zum See im Stadtpark, dienstags nach Molovata, wo der Dnister eine imposante Flußschlinge, ähnlich jener der Donau bei Schlögen, bildet.
Eine genauso markante Schleife bildet der Zufluß Raut einige KM westlich beim historischen Siedlungsgebiet Orheiul Vechi. Wer Zeit hat, kann sich hier auf mehreren Wanderrouten die Reste früherer Kulturen von der Hallstatt- über die Tartarenzeit bis ins Spätmittelalter ansehen, dazu orthodoxe Kirchen, früher bewohnte Höhlen in den Steilufern sowie ein Archäologiemuseum.
Dass der Straßenverkehr in Moldau (für uns) herausfordernd war, sollte niemanden abschrecken, hierher zu reisen. Den Mittwoch verbrachten wir im Stadtzentrum und hatten – wie immer – ein köstliches Abendessen.
Leider haben wir es in der kurzen Zeit nicht geschafft, an einer der üppigen Weinverkostungen teilzunehmen – das ist also ein guter Grund, wieder nach Moldau zu reisen.
Die Anreise ist klimaverträglich leider nicht so einfach: entweder mit dem Zug nach Budapest und von dort in ca. 24h per Bus nach Chisinau oder von Wien mit dem Zug nach Bukarest und von dort mit dem (Nacht)zug in die Hauptstadt – dauert auch lange.
Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass diese 5Km, auf denen der der Marathon gelaufen wird, die flachsten von ganz Chisinau sind. Wir haben zwar nur einen Bruchteil der Stadt gesehen, aber wo wir waren war immer ein Bergauf oder ein Bergab und das ist vermutlich im Rest der Stadt ähnlich.
Finisher: Marathon 335, HM 600, 10KM 1470, 5KM 1490, Starter mit Assistenz 50, dazu jede Menge Kinder bei den Kinderläufen am Samstag
Nächstes Jahr wird zwei Wochen später veranstaltet (25., 26. September), was die Gefahr eines Hitzemarathons reduziert.
www.marathon.md oder auch myraceresult.com