Autor Thema: 2009-01-24 VCM Winterlaufserie 1 - bluelips  (Gelesen 95 mal)

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2009-01-24 VCM Winterlaufserie 1 - bluelips
« am: 24.01.2009, 00:00:00 »
Datum: 2009-01-24
Event: VCM Winterlaufserie 1
Distanz: 21.097 km

Ersteller: bluelips

Offline bluelips

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2009-01-24 VCM Winterlaufserie 1 - bluelips
« Antwort #1 am: 24.01.2009, 00:00:00 »
Sauseschrittpremiere.

Es gibt eine Zeit vor der Registrierung, wie es eine Zeit vor dem Laufen gab.
In dieser Zeit, nämlich vor meiner Registrierung hier, erfolgte im Prater der erste Lauf einer erstmals stattfindenden Serie, die, von den Veranstaltern des "Vienna City Marathon" organisiert, als "VCM Winterlaufserie" benannt wurde.
Da ich nach einigen Jahren solitären Laufens der Beharrlichkeit meiner Frau doch einmal nachgegeben habe, mich bei "Wettrennen" anzumelden, wurde dies mein allererster Wettlauf, wie ja irgendwie alles irgendwann einmal das erstemal ist.

Ungewohnt mit Vielen in eine Richtung zu laufen, stand ich bereits, nicht nervös, aber stets akribisch in meinen Vorbereitungen, um 6:00 Uhr auf, zu erledigen, was zu erledigen ist, was da wäre: Der unverzichtbare Kaffee, ohne welchen ich erst gegen Mittags wach würde, ein flüssiges Frühstück mit löslichen Haferflocken in gelöstem Molkepulver, das ebenfalls ein täglicher Bestandteil des Morgenrituals ist, Aufwärmübungen, die ich zwar üblicherweise am Ort des beabsichtigten Laufs durchführe, aber diesmal als Übergangshandlung ausnahmsweise, der Start war erst um 10:00, bereits in der warmen Wohnung tätigte, was sich in Nachhinein als Glück dargestellt hat. Brustgurt und einige Schichten Kleidung waren dann schnell angelegt, kurz nach 8:00 das Haus verlassen, etwa 20 Minuten später am Praterstern. Ein Laufleiberl mit der applizierten Startnummer trug ich in der Hand, um es vor dem Start über mein Übergewand zu ziehen, und nach dem Lauf für den Nachhauseweg leicht ausziehen zu können, was sich bewährt hat.

Im Prater hat mich dann leicht der Schlag getroffen: Aus der "Stadt" quasi trockener Straßen kommend, hinein in ein Winterwonderland mit minus 8 Grad. Bleiche Bäume, bleiche Wiesen, bleicher Himmel - bleiches Gesicht. Am Donnerstag davor (beim letzten meinereinigen Durchhoppeln) war's im Prater zwar auch schiach, aber wenigstens nicht Hardcorewinter… Nun gut, die Hauptallee war geräumt, ich faßte Mut und trabte langsam und noch langsamer, Zeit hatte ich ja genug, Textilien weniger, ich habe mich nach reiflicher Überlegung ermannt und den Entschluß mit kurzer Hose zu laufen gefaßt, zum Startgebiet.
Mein erster "Start", was wird mich dort erwarten?
Das erste: Schnee, ka Schmäh. Die Hauptallee war ab dem ersten Kilometer nicht geräumt. Ach wie gut, bereits gedehnt und gewärmt zu sein, ach wie gut, mich für leichte Geländeschuhe entschieden zu haben, ein selten trügendes Gespür für Eventualitäten, im Volksmund "Mazel", hat mich herausgerissen…
Vorerst wenige Leut', mich ob meiner "Kurzen" argwöhnisch beäugend, einer der Ordner (?) befragte mich, ob mir nicht kalt sei, ich stellte die Frage zurück, die er, in Daunenjacke gehüllt, bejahte: Das war meine Überlegung, eine lange Hose wäre bestenfalls Sicht-, nicht Kälteschutz gewesen, hätte mich aber verunsichert, da ich, thermisch tolerant und relativ resistent, gewohnt bin, in der (k)alten Kurzen zu laufen. So war ich einer der wenigen, denen in einer kurzen Hose kalt war, statt in einer langen: Wobei die Kälte nur den Oberkörper betroffen hat, da man, also ich, um den Kälteeindruck zu unterbinden, eine Angorawäsche hätte anziehen müssen, die Füße und Beine blieben durch beständiges und etwa eineinhalb Stunden dauerndes Trippeln warm. Radio Wien moderierte den Lauf, Dietmar Millonig, soweit ich mich erinnere, als Gastkommentator. Die Frage des Radiomoderators an den großen Läufer, ob es denn ratsam sei, bei diesen Temperaturen mit kurzen Hosen zu laufen, da es einige wagten, beantwortete der Sportler diplomatisch sinngemäß, daß jeder so laufen solle wie er möchte, eine weise Antwort, dachte ich mir. Nach leichter Startverzögerung und etliche stoffwechselbedingte "Entleerungen" später (meine größte Befürchtung war: Während des Laufs stehenbleiben und pinkeln zu müssen! - Wenn man sonst keine Sorgen hat…), der Prater bietet ja für maskuline Anatomie ein bevorzugtes Terrain, erfolgte der Startschuß (tja mein erster also, so hört sich das an) für mich und für über 300 weitere mutige Läufer, welche ich bewunderte, sich bei der Saukälte an einem Sonntag in diese sonnenverlassene Gegend zu begeben und im Kreis zu laufen, bescheidenerweise war ich weiter hinten, der Pulk setzte sich langsam in Bewegung, ich mich ebenso, überlief die Matte, fest auftretend, und noch eine, blickte mich um, sondierte das HM-Ziel, welches ja meines sein sollte, und begann so vor mich hinzutraben, etwas verunsichert, wie das weitergeht, als "Newbie" wagte ich nicht, vor mir Laufende zu überholen, ich dachte, das sei unhöflich und habe mich an Personen gemächlichen Schrittes orientiert, schließlich wollte ich mich nicht vor mir selbst blamieren und nach 7 km außer Atem sein. Das Licht war angenehm diffus, die Luft trocken, für mich als Brillenträger ein wichtiger und positiver Umstand, da ich von Oktober bis Mai bei kühleren Temperaturen mit höherer Luftfeuchtigkeit gewohnt bin, mit beschlagenen Brillengläsern und stets mindestens partiell blind zu laufen.
Als ich mit dem Rundkurs wieder von der Lusthausstraße in die Hauptallee mündete, entgegneten mir bereits die ersten Flitzer, phantastische Läufer, bei dieser Temperatur für jeden Teilnehmenden eine große Leistung, für hohe Geschwindigkeit bei niedriger Temperatur muß man, so dachte und denke ich, aus besonderem Holz geschnitzt sein.
Die erste Runde näherte sich ihrem Ende, der Radiomoderator kündigte mich beim ersten Durchlauf adjustierungsgemäß korrekt an, jedoch, da er die Startnummer falsch abgelesen hatte, mit falschem Namen. Den flüchtigen Moment eitlen Radio-Ruhms verpaßt, ein Mißgeschick, worüber ich beinahe während des Laufs laut gelacht hätte: Wieder ein G'schicht'l.
Nach der ersten, mehr oder weniger per Sightseeing verbummelten Runde, ich fühlte mich ja tatsächlich als "Wettrennentourist", erhöhte ich mein bescheidenes Tempo auf ein wenigstens angenehmes, um auch das Feeling eines "Laufs" zu erleben, meine altersschwache Pumpe war vom Platzen weit entfernt, der wie ein göttliches Auge alles überwachende Brustgurt gestattete gnädigerweise ins Schwitzen zu kommen. Ein entgegenkommender Mitläufer grüßte, jedesmal bei Begegnung: "Serwas Nackerter!", eine Schmeichelei, derer ich ja nicht als Einziger würdig war. Im Grunde waren die Laufkollegen ihr eigenes Publikum, durch diese Art der Begegnung und Zusammenführung auf dem Gegenlauf der Hauptallee. Anfeuernde Zuschauermassen haben sich ob der Witterung in Grenzen gehalten, die Begeisterung über unseren Mut winterlich laufend weitere Strecken zu wagen, wich, denke ich doch, einer wienerischen Skepsis, ob denn die Noarr'n denn des dürf'n?

Abgesehen von einem kleinen Gulasch ohne Bier, das ich aus meiner Bahn gescheucht habe, einem Jack-Russel-Terrier, verlief der Lauf unspektakulär, glücklich und zufrieden. Die Kilometer spulten sich auf der unter den Füßen hinweggezogenen Straße von selbst ab. Man kennt das ja: Ein Schritt gibt den anderen, - und am Schluß is' ma fertig ( - so oder so - ), und weiß nicht mehr genau, was man bis zum "Fertigsein" eigentlich gemacht hat, außer sich an den, während des Laufens zeitweilig eintretenden Proust'schen Effekt, sich an Erinnerungen zu erinnern, zu erinnern. Die Stimmung bei den Kollegen war sehr gut, meine ich, und es war für jeden, auch für Abbrecher auf den ersten 7 km, sofern es denn welche gegeben haben sollte, vermutlich eine respektable Herausforderung, psychisch vor allem und physisch ebenso, mehr oder weniger unterkleidet sich dieser Temperatur zu stellen, die bereits seit Jahren in Wien nicht mehr so niedrig gewesen war. Ich nehme mich da eher aus, mir sind wankende Temperaturen oder schnöde Witterung ziemlich wurscht, obwohl dieser Winter zugegeben auch an meiner mentalen Substanz zehrt.
Einen kurzen warmen Trunk (Isogetränk), einen kleinen weichen Biß (Müslibrot), und voller Freude über mein allererstes Goodie-Sackerl, das ich wie die Erstklassler die "Schultüte" vor mir hergetragen habe, war ich per U-Bahn heimreisend, zu Dusch' und -gel, die mir (und meiner Frau!) besten Freunde nach einer "Hetzerei"…
"...
Die großen Worte aus den Zeiten, da
Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns.
Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles."
R.M.R., "Requiem" (Paris, 1908)

Online JM

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2009-01-24 VCM Winterlaufserie 1 - bluelips
« Antwort #2 am: 08.02.2009, 19:54:30 »
Super Bericht. Ganz neuer Schreibstil, der sich aus der Masse hervorhebt. Konkurrenz für Boenbald !
Habe den "Nackerten" auch laufen gesehen und auch gedacht "Na Serwas" :D
Für einen Wettkampfanfänger hast dir aber glich einmal die Hardcorevariante herausgesucht. Gratuliere fürs Durchhalten. Das nächste mal wird´s schon zur Routine ;)
When your life flashes before your eyes, make sure you’ve got plenty to watch

Offline heitzko

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« Antwort #3 am: 11.02.2009, 16:20:28 »
ganz toller bericht, kann mich da nur anschließen! ich hoffe noch auf ganz viele weitere berichte und hoffe du bleibst dem sport treu, dann gibts noch viele goodie-sackerl :)